Das ZEIT Magazin kürte jüngst die App Headspace zu einer der „50 Ideen für ein besseres Smartphone“. In der App sollen wir unsere mindfulness trainieren. Heißt: In frei wählbaren Sitzungen von zwei, fünf oder zehn Minuten Dauer erzählt uns die beruhigende Stimme eines jungen Mannes mit reassuring Oxford English accent, dass wir ganz im Augenblick aufgehen sollen.
Kurz: Headspace ist eine App, die Achtsamkeit schulen soll. Ganz bequem, vom heimischen Sofa aus. Wie das Ganze dann aussieht? Der junge Mann weist uns an, uns ganz und gar dem Moment unseres Seins zu ergeben. Die Gedanken – im wahrsten Sinne des Wortes – fliehen zu lassen. Ziel: Auf uns selbst zurückzufallen, körperlich wie mental. Denn darum geht es in der Schule der Achtsamkeit. Ursprünglich ein meditativer Ansatz, der das Hier und Jetzt ins Zentrum rückt, ohne dieses zugleich bewerten zu wollen, ist der Begriff der Achtsamkeit in einer als zunehmend rastlos rasend empfundenen Moderne weit über seinen ursprünglichen Wirkungskreis hinaus en vogue.
Was hat das mit Biken zu tun? Nun, ich argumentiere, dass ebendiese Achtsamkeit auf einem Rad ebenso gut – wenn nicht sogar besser – geschult werden kann als auf dem heimischen Sofa.
Der zentrale Fixpunkt der Achtsamkeit ist das Jetzt. Denn allzu oft drehen sich unsere Gedanken im Alltag um das Vergangene oder um das Zukünftige. Um Sorgen, die wir haben, um alten Kummer und die Unsicherheit des Morgen. Kurz: Allzu oft bewegen sich unsere Gedanken innerhalb von Wendekreisen, die wir weder ändern (das Vergangene ist vergangen) noch beeinflussen können (Es ist die genuine Eigenschaft der Zukunft, immer ungewiss zu sein).
Das Biken, und hier vor allem das Mountainbiken mit seinen spezifischen Herausforderungen im Gelände, die höchste Konzentration notwendig machen, zwingt uns gewissermaßen ganz natürlich in diesen Zustand der absoluten Gegenwärtigkeit.
Wir kennen das: Wenn wir unsere Gedanken auf dem Trail nicht unter Kontrolle haben, wenn die Konzentration abschweift, wird es – gerade in schwierigem Gelände – schnell gefährlich. Das Mountainbiken versetzt uns also in das unbedingte Jetzt, den Moment selbst. Nur wenn wir hier und jetzt sind, auf dem Bike, körperlich ebenso wie mental, öffnet sich der Trail vor uns in all seinen Facetten.
In dem Augenblick, da wir aufs Bike steigen, müssen wir das Hier jeder Wurzel und das Jetzt jedes Steins anerkennen.
Erst dann unten, am Fuß des Berges, am Ende des Trails, wenn wir einen Augenblick innehalten, um Luft zu holen, geht uns auf, dass wir für die Dauer des Runs nicht an den Stress gedacht haben, den wir auf der Arbeit haben oder an den Zwist mit jenem Freund oder überhaupt an die Sorgen, die uns sonst konstant zu plagen scheinen. Für die Dauer des Runs waren wir frei – frei von Gedanken, die sich nicht mit dem unmittelbaren Sein beschäftigen.
Als ich noch als Angestellte an der Uni gearbeitet habe, bin ich oft, wenn ich unzufrieden war oder mir der Stress – wie es so schön heißt – über den Kopf gewachsen ist, direkt nach der Arbeit auf mein Bike und bin schnurstracks den nahe gelegenen Berg hinaufgestrampelt – hinter dem nichts mehr lag außer das weite Land. Der Weg hinauf war oft mühsam, beschwerlich und sämtliche Gedanken spukten mir im Kopf herum.
Aber spätestens, wenn ich oben angekommen war, sich der Blick auftat ins weite Land und ich die Uni, meine Arbeitsstätte und – gewissermaßen in diesen Momenten – der Kulminationspunkt meiner Alltagssorgen, unter mir da liegen sah, klein wie eine Spielzeugnachbildung derselben, spätestens dann war ich im Jetzt angekommen. Die örtliche Distanz war sozusagen zur emotionalen Distanz geworden. Ich spürte dann nur noch meine brennende Lunge, den Wind auf meinem Gesicht und die Wolken über mir, wenn ich in den Trail einstieg. Aus dieser emotionalen Distanz, die sich einstellte, ergab sich zugleich eine Abkehr von der Reflexion. Oder anders: Ich dachte natürlich noch nach (denn ganz ohne Denken geht es dann bekanntlich doch nie, denn selbst wenn wir an nichts denken würden, würden wir doch eben an Nichts denken), aber meine Gedanken drehten sich nicht mehr müßig im Kreis um etwaige Sorgen oder Ängste, sondern um die Beschaffenheit des Gegenwärtigen. Ich nahm den Untergrund wahr, wie er sich in dem Moment vor meinem Auge entwickelte. Ich reagierte auf Hindernisse im Rahmen meiner Fähigkeiten und ließ ansonsten den beiden Rädern unter mir freien Lauf. Und sie trugen. Und sie trugen mich durch die Gegenwart wie durch einen Strom, der weder Anfang noch Ende kennt und in dessen Lauf ich mich ganz und gar ergeben kann, weil er nichts von mir erwartet außer zu sein.
So lernen wir auf dem Bike Achtsamkeit – ganz ohne Smartphone, ganz ohne beruhigende Oxford English Stimme aus dem Off – mitten im Wald, zwischen Erde und Himmel. Den Wind im Haar.
Autor: Nora Beyer
Chronik eines unwahrscheinlichen Sturzes
14. Juli 2018, Krankenhaus Lauf a.d. Pegnitz
Vor etwas mehr als einem Monat stand ich mit meinem Fahrrad am Nordkap. Nachdem ich zuvor 30 Tage lang ohne einen einzigen Pausentag die 3.400 km von Nürnberg dorthin zurückgelegt hatte. Allein. Nur mit meinem Rad und Zelt.
Jetzt liege ich mit einem zertrümmerten Bein seit einer Woche im Krankenhaus. Ein Unfall mit dem Mountainbike im Schlepplift, nichts Dramatisches, nichts Leichtsinniges. Eine Banalität, die in meinem Bein nichtsdestoweniger einen Trümmerbruch verursachte und auch das Kniegelenk in zerstörte. 50 Trümmer. Alle in meinem rechten Bein. Notoperation in der ersten Nacht. Kompartmentsyndrom. Die Gefäße standen kurz vorm Zerplatzen. Dann hätte ich das Bein verloren.
Kurz und knapp: Ein komplizierter Bruch. Ein langer Weg zur Genesung. In welche Richtung diese am Ende gehen wird, weiß niemand.
Vor etwas mehr als einem Monat stand ich am Nordkap und hatte eine Rundumsicht dieses kargen, schneebedeckten Endes der Welt. Vor mir der Ozean. Dahinter nichts. Ich roch den Wind und die Wolken und den Schnee und all diese Freiheit dazwischen.
Jetzt liege ich seit einer Woche in derselben Position im Krankenhausbett.
Ein Fixateur, ein externes Metallgestänge, das an vier Stellen in Oberschenkelknochen und Schienbein verbohrt ist, hält meinen noch unbehandelten Bruch in Position. Ich kann nicht aufstehen geschweige denn gehen. Mein ganzes Leben spielt sich in ein und derselben Position ab. Neben mir meine Habseligkeiten auf die Größe eines Krankenhaustisches verteilt. Draußen vor dem Fenster brennt der Sommer und Vögel zwitschern. Manchmal hört man Kinder lachen.
Vor etwas mehr als einem Monat war ich am Horizont und der Horizont in mir und der Himmel war überall um mich.
Jetzt sehe ich einen kleinen Ausschnitt des Himmels durchs Krankenhausfenster, eine Erinnerung an den Horizont. Mehr nicht.
Der Himmel ist fern jetzt. Auch der Horizont. Und gerade der absurde Kontrast zwischen der absoluten Unabhängigkeit des allein Reisenden unter freiem Himmel und des bewegungsunfähigen Kranken in ein und demselben geschlossenem Raum, Tag für Tag, trifft schwer.
Ich weiß nicht, was sein wird. Aber ich sehe, dass dies eine weitere Reise ist. Die schwerste bislang. Schwerer selbst als der letzte Tag zum Nordkap mit 140 km Eis in der Luft und extremem Gegenwind und 29 Reisetagen in den Beinen. Hier geht es nicht mehr um das Erreichen ehrgeiziger sportlicher Höchstleistungen oder das Gehen an die eigenen Leistungsgrenzen.
Hier geht es darum, am Rande der Nacht nicht in die Dunkelheit zu fallen.
Nicht aufzugeben, nicht den dunklen Gedanken oder zweifelnden Stimmen Gehör zu schenken. In der Bewegungsunfähigkeit und im Schmerz und dem Unwissen, was sein wird liegt ein letztes, ein größtes Rückfallen auf das Selbst.
Hier geht es darum, am Rande der Nacht das Licht nicht aus den Augen zu verlieren.
2. August 2018, Krankenhaus Lauf a.d. Pegnitz
Fast vier Wochen lang in der immergleichen Rückenlage auf dem bleichgrauen Krankenhausbett liegend.
Das rechte Bein nach drei Operationen ein Trümmerfeld aus Blutergüssen, Schwellungen, kreischenden überdehnten Bändern und pochenden Knochen, die ihren Weg zueinander erst wieder finden müssen.
Drei Wochen lang der Blick an dieselbe Decke, dasselbe Fragment Himmel vor dem Fenster.
Die Nächte gehören dem Schmerz und sind endlos. Die Tage ziehen im immergleichen Takt der Krankenhausroutine vorüber. 8.30 Uhr Frühstück und Pillen. Visite. Waschen im Bett. Fieber messen, Blutdruck. Wunderbar. Liegen liegen liegen. 12.30 Uhr Mittagessen und Pillen. Liegen liegen liegen. Nachmittags Thrombosespritze, Fieber messen, Blutdruck. Wunderbar. 17.00 Uhr Abendessen und Pillen. Ab dann tut sie spätestens weh, die schleichende Zeit. 23.00 Uhr mehr Pillen.
Die immergleichen Fragen, Tag für Tag. Plötzlich ist man Zeitreisender, in einer Endlosschleife feststeckend, rotierend bis zum Ende aller Tage. Und alles tut weh.
Dann die Nacht. Draußen in einem anderen Krankenhausflügel schreit einer, Nacht für Nacht. “Hilfe” schreit er und “Nein” und ist wohl ganz gefangen in seiner eigenen Dunkelheit. Manchmal bellt ein Hund. Die Notfrufsirene der Schwestern hallt in regelmäßigen Abständen durch den Flur. Aber das alles ist es nicht, was mich vom Schlaf fernhält.
Es ist das Reißen und Schieben in meinem Bein, das Pulsieren der Schwellung, der Druck im wunden Fleisch. Aber noch viel mehr als das sind es die Schatten am Rande meines Bewusstseins. Sie lauern und knirschen mit den Zähnen und auf ihrer bleichen Stirn stehen ihre Namen und die sind ANGST, SELBSTMITLEID, VERZWEIFLUNG, TRAUER. Sie sind hässlich und bohren kleine Löcher in die Stärke, die ich zu haben mir einbildete und zersetzen diese. Zerfleddern meinen Mut. Spucken auf meine Zuversicht.
Aber dann änderte sich etwas.
Ich glaube, es war der Tag, an dem ich das erste Mal stand. Aufrecht. Freilich an einer Gehhilfe lehnend, zitternd und bleich vor Schmerz und Übelkeit und es waren gerade mal ein paar Sekunden bis maximal eine Minute, in der ich stand, bevor mich der Arzt aus Angst vor einer Ohnmacht wieder zurück ins Bett legte. Aber ich stand.
Oder vielleicht war es auch der Tag, an dem die Physiotherapeutin, die mich gar nicht behandelt, die aber meine Krankengeschichte verfolgt hatte, sich zu mir ans Bett setzte und zu erzählen begann. Von ihrem eigenen schweren Unfall mit Trümmerbruch vor Jahrzehnten, als sie hochschwanger war und behandelt werden musste – ohne Schmerzmittel aus Rücksicht auf das ungeborene Kind. Wie sie mir erzählte, dass auch das ginge. Dass jeder Albtraum ein Ende hat, wenn wir es so beschließen. Dass wir den Schmerz wegatmen können. Dass wir uns nicht beugen müssen. Dass unser Geist mächtiger ist als wir denken und unser Körper weit weniger fragil, als wir fürchten.
Oder vielleicht war es der Tag, an dem mir ein beinahe Fremder, ein flüchtiger Bekannter, der durch Zufall gerade auf einer langen VW-Bustour durch Skandinavien bis ans Nordkap und wieder zurück war und gewissermaßen meine Reise mit dem Rad von Nürnberg zum Nordkap nachvollzog, ein Bild abfotografierte, das er für mich gemalt hatte. Er hatte gerade den Nordkap-Tunnel durchquert und musste an mich denken. Meine Fahrt mit dem Rad durch den 7 km langen Tunnel, der über 200 m unterhalb der Wasseroberfläche liegt, schlecht beleuchtet und belüftet ist empfand ich extrem beängstigend und klaustrophobisch, was ich hier schilderte. Dieser Bekannte schlug nun kurzerhand den Bogen zwischen meinen beiden Reisen: Diese große, beschwerliche Reise jetzt sei ganz ähnlich wie meine Fahrt durch den Nordkap-Tunnel. Aber, so schließt die Zeichnung, das Gute an jedem Tunnel ist das Licht an dessen Ende.
Vielleicht war es auch der Tag, an dem ich das Zimmer zum ersten Mal verließ. Auf einen Gehwagen gestützt lief ich los. Lief wirklich, was ich mir noch wenige Tage zuvor in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte.
Dann stand ich draußen im Flur. Und lief weiter. Jede und jeder der Pfleger, die ich auf dem Weg traf, lächelte, grüßte, den Daumen nach oben. Alle hatten die letzten Wochen erlebt. Sie wussten, dass ich das Bein fast verloren hätte. Sie wussten von der Schwere des Bruches. Unterschenkel und Kniegelenk. 50 Trümmer, fein säuberlich zerstört. Sie haben die Schmerzen, die Tränen, die Schreie gehört. Sie waren dabei gewesen. Weil es ihr Job ist. Aber jetzt schien sich das ganze Krankenhaus zu freuen. Es geht bergauf, hörte ich von allen Seiten. Und ich lief immer weiter und weinte und lachte zugleich.
Oder vielleicht war es der Tag, an dem mich ein Freund kurzentschlossen in einen Rollstuhl setzte und raus schob. Draußen vor die Tür. Nur für einen Moment. Raus vor den Eingang, auf den Parkplatz. Wo man den Horizont sieht. Wo der Wind sachte weht. Wo ich weinen musste, weil auf einmal so viel Welt um mich war.
Vielleicht war es die erste Nacht, in der die Dunkelheit einfach nur die Dunkelheit blieb. Die Schatten lauern weiterhin, sie kratzen den Schorf auf meinen Ängsten auf und flüstern boshafte Fragen in meinen Geist.
Und der Schmerz bleibt, begleitet mich wie ein guter Freund, der mich daran erinnert, dass mein Bein ganz und gar kaputt ist. Und zugleich ganz und gar lebendig. Jeder Grad Biegung meines Kniegelenks, um den ich kämpfe, schmerzt.
Jeder Grad Biegung ist ein Triumph.
Ein Jetzt Erst Recht.
Ein Trotzdem.
Dieses Trotzdem baut auf dem Willen auf, der an Kilometer 19 vor dem Nordkap, nach knapp 3.400 km und 30 Tagen radfahren ohne Pausentag davor, beinahe aufgegeben hatte. Der dann aber wieder aufstieg und weiterfuhr. Es ist derselbe Wille, den es nun braucht, um wieder aufzustehen. Und weiterzulaufen.
Dieses Trotzdem baut aber auf noch viel mehr. Auf der Psychotherapeutin, die einfach zu erzählen begann. Auf die Pflegekräfte, die mir den erhobenen Daumen entgegengestrecken, Tag für Tag. Auf dem Chefarzt Dr. Groß, der nicht nur eine chirurgische Meisterleistung vollbracht hat, sondern mir den Glauben gibt, dass ich diese Reise schaffen kann und mir das Vertrauen vermittelt, dass ich auf die Ängste am Rande der Nacht nicht hören brauche. Auf den beinahe Fremden und seine Nordkap-Tunnel-Parabel. Auf jeden einzelnen Unbekannten der mir hier oder auf Facebook oder instagram ode über sonstige digitale Kanäle Mut und Zuversicht zuspricht oder auch seine eigene Geschichte erzählt. Auf die Freunde und die Familie, die lieben und nicht aufhören damit, egal wie verquollen verheult oder verzweifelt ich war und noch immer manchmal bin.
Und mit jedem Tag wächst diese Trotzdem. Eines Tages wird es Beine bekommen. Und mich davontragen. Zurück zum Horizont.
2. September 2018, Nürnberg
Die schmerzhafteste Illusion: Ich muss nur das Krankenhaus verlassen. Dann ist alles gut. Wenn ich diesen Ort verlasse, der so grundlegend mit meinem Schmerz, meiner Bewegungsunfähigkeit, meinen Fieberträumen verknüpft ist, lasse ich zugleich auch diese hinter mir. Ich muss nur das Krankenhaus verlassen. Dann würde mein Bein wieder heil sein. Indem ich nur den Ort meines definitorischen Leids hinter mir ließe, müsste sich alles wieder zurechtrücken.
Nach über einem Monat im Krankenhaus ist es soweit.
Aber.
Natürlich geschieht nichts davon.
Ich bin draußen. Aber ich kann weiterhin nicht laufen.
Schlimmer noch: Ich kann nicht weglaufen.
21. September 2018, Nürnberg
Ich verbringe den Abend im Biergarten. Sehe alle Freunde wieder, die versammelte Mountainbike-Szene Nürnbergs. Ich trinke sogar ein Radler, das erste Mal wieder Alkohol nach wochenlanger wechselnder Schmerzmedikation, Entzugserscheinungen, Schlaflosigkeit, neuen Medikamenten. Ich beantworte die immergleichen Fragen wieder und wieder und halte die mitleidigen Blicke aus – „Dich so sehen zu müssen…“. Ich liebe jeden von ihnen. Und sie meinen es ehrlich. Ich hasse mich dafür, dass es mich anstrengt. Ich lächle. Irgendwann erschöpft mich das. Ein Freund fährt mich heim. Er hatte erst vor kurzem selbst einen Bikeunfall mit gebrochenem Scham- und Kreuzbein und geht auch auf Krücken.
Auf Höhe der Theodor-Heuss-Brücke kommt der Zusammenbruch. Er beginnt irgendwo zwischen Lunge und Herz und schlägt Krallen in meinem Hals. Der Freund bremst abrupt, blinkt rechts, hält an. Er packt meinen Kopf mit beiden Händen, die zwei paar Krücken sind linkisch verkeilt zwischen uns, zwischen Fahrer- und Beifahrersitz.
„Schau mich an“ sagt er.
Ich kriege keine Luft mehr.
Schließlich kommt da was aus meinem Mund, was irgendwo viel tiefer drinnen sitzt.
„Ich bin noch immer in diesem Zimmer“.
Es klingt nicht wie meine Stimme.
„Wo willst du hin? Willst du schreien? Wir fahren irgendwo hin. Irgendwo, wo du schreien kannst“ sagt er.
Es tut fast weh, so fest hält er mich.
Ich nicke.
„Ich will zum Buck“.
„Dann fahren wir da hin“.
Wir fahren zum Schmausenbuck. Oben, bei den Sandsteinfelsen, auf der Anhöhe steht eine Bank. Von dort aus gehen die Lines los, die Felsen hinab, über Wurzeln, durch den Wald. So oft bin ich dort gefahren – vor dem Unfall. Oft allein, sommers wie winters. Ich habe das Mountainbiken dort begonnen. Habe die ersten kleinen Sprünge dort versucht, habe Ängste überwunden, bin gestürzt. Bin wieder aufgestanden. Ich war glücklich dort.
Seit dem Unfall war ich nicht mehr da.
Wir fahren durch die Nacht. Der Wald steht stumm und schwarz und die Straße bergauf wird im Scheinwerferlicht wie ein Tunnel in die Endlosigkeit. Oben müssen wir noch ein Stück laufen. Wir gehen nebeneinander, die Krücken klingen dumpf im Staub. Es ist rutschig, es ist leichtsinnig, es ist dumm. Aber ich muss hinauf. Ich habe das Gefühl ich musste noch nichts so sehr in meinem Leben, als diese Bank zu erreichen, oben auf der Anhöhe.
Schließlich sind wir oben. Es ist stockfinster. Wenn ich mich anstrenge sehe ich die Schemen des ersten kleinen Sprungs da unten. Wenn ich mich anstrenge, kann ich beinahe den Lenker an den Handflächen fühlen, höre die Kette klackern, wenn ich aus dem Stand – wie ich es immer tue dort oben – in einen größeren Gang schalte für die Abfahrt, spüre die verstellbare Sattelstütze, die ich nach unten drücke. Abfahrtbereit.
Ich sollte schreien.
Deswegen sind wir hier.
Aber nun hat mich die Stille dieser Nacht und der Erinnerung, in der es einerlei ist, ob ich meine Augen offen habe oder geschlossen.
Und mit der Klarheit eines unerwarteten Gedanken erinnere ich mich an ein Fragment, vor Jahren gelesen, gekritzelt auf einen Zettel und abgelegt zwischen getrockneten Kleeblättern und alten Liebesbriefen:
Still.
Still.
Ward die Welt nicht eben vollkommen?
Wir nehmen die Krücken und treten den Heimweg an.
Heute Nacht habe ich nicht schreien müssen.
Ride or die?
Ein „tragischer“ Unfall. „Besonders unglücklich“. „Bedrückend“. Das sind so die Adjektive, die genannt werden.
Bei einem Fall wie dem von Gela Allmann, der deutschen Trailrunning- und Skitourenläuferin, die 2014 in Island einen vereisten Hang hinabstürzte. 800 m fiel sie in die Tiefe. Überlebte schwerverletzt.
Bei einem Fall wie dem von US-Bergsteiger Aron Ralston, dessen rechte Hand 2003 bei einer Canyonquerung in Utah von einem herabfallenden Felsbrocken eingequetscht wurde und der sich, nach fünf Tagen und kurz vor dem Tod durch Dehydration, schließlich am eigenen Unterarm amputierte. Überlebte schwerverletzt.
Und zuletzt, traurig aktuell, bei einem Fall wie dem von Kristina Vogel, deutsche Bahnradsportlerin und zweifache Olympiasiegeri, die in einem Routinetraining gegen einen Kollegen prallte. Nun querschnittgelähmt.
Adjektive, die letztlich unpassend sind. Weil sie die Reichweite derartiger Unfälle schlicht nicht abbilden können. Sie sind weder fähig, der Tragweite der Unfallkonsequenzen angemessen Ausdruck zu verleihen. Dafür sind diese Adjektive zu zahnlos, zu seicht, zu ausgewrungen. Andererseits konstruieren sie eine vermeintliche Tragödienhierarchie, die nur zynisch sein kann. Denn was, am anderen Ende des Spektrums quasi, sind denn „nicht tragische“ Unfälle? Was macht einen Unfall denn „unglücklicher“ als einen anderen? Gibt es gar „glückliche“ Unfälle? Und wann ist ein Unfall nicht „bedrückend“?
Die Tragödie ist selten episch. Selten scheitern wir spektakulär im Wettkampf, brechen kurz vor der Ziellinie zusammen. Oft geschieht das Unaussprechliche an den Nebenschauplätzen unseres Lebens. Kristina Vogels Unfall geschah in einem Routinetraining. Gela Allmann stürzte bei einem Fotoshoot, Aron Ralston bei einer an sich unspektakulären Canyon-Begehung.
Die Katastrophe kennt selten die Epik der griechischen Tragödie. Sie vollzieht sich oft ohne Publikum, in der Nebensächlichkeit. Wir stürzen auf den uns eigentlich wohlbekannten Hometrails schwer, wir verunglücken im Training, in der vermeintlichen Routine. Vielleicht rutschen wir einfach nur in der Dusche nach der Abendrunde aus und tragen schwerste Verletzungen davon.
Die Katastrophe ist oft banal.
Vor nun zwei Monaten entglitt mir beim Ausstieg aus dem Schlepplift im Bikepark der Liftbügel, blieb an meinem Oberschenkel hängen und verdrehte diesen, während mein Fuß am Pedal eingerastet war, ruckartig. Die Folge: Trümmerbruch im Schienbein und perforiertes Kniegelenk. Fünfzig Trümmer im Bein. Notoperation in der ersten Nacht, da der Überdruck im Unterschenkel so anstieg, dass die Gefäße zu platzen drohten und das Bein nur gerettet werden konnte, indem eine Kompartmentspaltung vorgenommen wurde. Das heißt: Der Unterschenkel wurde beidseitig von Knöchel bis Knie in zwei langen Schnitten geöffnet und für Tage klaffend offengehalten, damit der Druck entweichen konnte. Einsatz eines externen Fixateurs, eines Metallgestells, das an vier Punkten in Oberschenkel- und Unterschenkelknochen mit langen Metallstäben verbohrt wurde, um die Trümmer stabil zu halten. Zwei Wochen komplette Bewegungsunfähigkeit im Krankenhausbett. Immer auf dem Rücken liegend. 24 Stunden. Tag für Tag für Tag. Der immergleiche Blick an die Zimmerdecke und aus dem Krankenhausfenster. Die Welt draußen beschränkt auf das Stückchen Flur, das ich sah, immer wenn die Tür aufging.
Und das, nachdem ich kurz davor erst in 30 Tagen mit Rad und Zelt von Nürnberg zum Nordkap gefahren war. Allein unter freiem Himmel, immer der Straße nach Norden nach. Am Polarkreis vorbei, durch Lappland hindurch. Tagelang nichts außer der Horizont vor mir, die Pedale unter mir und das ein oder andere Rentier. Dieser unbedingten Freiheit folgte die radikale Bewegungslosigkeit. Ich war einen Monat im Krankenhaus. Genauso lange, wie ich zum Nordkap gebraucht hatte. Die Diagnose: In einem Jahr werde ich wieder laufen können ohne Gehhilfen. Ein Jahr ist lang.
Und alles wegen einer Lappalie. Einem winzigen, unmöglichen Moment. Ich fragte einen Arzt, der meine Geschichte noch nicht kannte, was er denn vermuten würde, wenn er nur die Röntgenbilder sehe, wie es zu dem Schaden kam. Die Antwort war: Hochrasanztrauma – schwerer Motorradunfall.
Nun. Es war ein Schlepplift. Mit ca. 3 km. Im Bikepark.
Banal.
Von Epik keine Spur.
Die großformatige Scheiße ist schrecklich unspektakulär. Ein falscher Schritt. Ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit. Ein Blinzeln im falschen Moment. Und alles ist anders. Und nichts wie davor.
Vor meinem Unfall waren die Narben, die mir das Biken eingeschrieben hatte, beinahe Beweis meiner Passion. Als es mir an einem Felsen im Bikepark Ochsenkopf den Handschuhe zerfetzt hatte und meine Armbanduhr und das Fleisch am Knöchel darunter gleich mit. Die Naht am Ellebogen aus Finale Ligure. Das Loch am Schienbein von den 3-Länder-Enduro-Trails.
Wir Biker kennen das. Perforierte Schienbeine, gestanzte Knöchel, frakturierte Schlüsselbeine…
So manch einer trägt seine Narben wie der Pirat die Augenklappe. Ein Veteran auf dem Schlachtfeld, in diesem Fall das Wurzelfeld. So auch ich.
Harakiri-Slogans wie „Wer später bremst ist länger schnell“ oder „Geschwindigkeit bringt Sicherheit“ zelebrieren ein Konzept des Leben-am-Limits, das doch nur Illusion ist. Denn am Montag spazieren die meisten von uns doch wieder brav ins Büro und leben unser Leben von 9 to 5, nur um am Wochenende im Bike Park dann das radikale Kontrastprogramm zu fahren. Leben-am-Limit: Die Wohenend-Edition quasi. Gäbe es da etwa was, das wir zu kompensieren hätten?
Dieses Leben-am-Limit: Die Wochenend-Edition ist aber leider nur genauso lang erwünscht, solange sich die Unfälle auf den ein oder anderen spektakulären Kratzer beschränken, der für epische Geschichten im Biergarten reicht. Niemand von uns will es wirklich – das Limit.
Die Geschichten aber sind eingeschrieben auf unserer Haut als könnten wir sie sonst nicht erzählen.
Aber wovon erzählen sie eigentlich? Erzählen sie von wirklichem Mut, von Tapferkeit, von einem Hinauswachsen über uns selbst? Haben wir das Leben anderer unter Risiko des eigenen bewahrt? Haben wir gegen Ungerechtigkeit gekämpft, für Zivilcourage und dabei uns selbst in Gefahr gebracht?
Meistens sind wir doch einfach nur ausgerutscht. Haben den Sprung zu kurz genommen, haben die nasse Wurzel da vorne unterschätzt oder den Drop zu spät gesehen.
„Wer nie stürzt, der fährt nicht am Limit“.
Aber wo ist das Limit? Und ja, wo dessen Sinnhaftigkeit?
Sicher, es geht ums biken. Nicht darum, die Welt zu retten. Aber nehmen wir unsere eigene tragische Tiefe dabei nicht manchmal zu ernst?
Wir stehen auf und fahren weiter. Warum wir das tun, dafür gibt es genauso viele Gründe, wie es Biker gibt. Und das ist gut so. Also fahren wir. Nur manchmal, manchmal, sollten wir uns daran erinnern, dass es zwar epische Trails gibt. Aber Epik auf Trails eigentlich selten stattfindet. Unsere Narben erzählen natürlich Geschichten. Und es gibt die Bedingung nicht, dass Narben nur dann gerechtfertigt sind, wenn sie zu irgendeiner Verbesserung auf irgendeinem global scale beitragen (wie auch immer eine solche aussehen könnte).
Aber manche Geschichten sind eben deshalb tragisch, schlicht weil sie schrecklich banal sind.
Liegt die Tragödie also gar in der Banalität, nicht in der Epik?
Die Liebe in Zeiten des Shredding
Biken ist wie Liebe machen.
Es kommt nicht auf die Geschwindigkeit an (und nicht – aber das nur am Rande – auf die Größe, hier: der Laufräder). Sicher. Wer kennt ihn nicht, den Rausch der Geschwindigkeit, den Reiz des Rasanten, das Tolle am Tempo? Die menschliche Rollercoaster Zu-Neigung. Huiiiiiii! Das Adrenalin pumpt, das Endorphin geht durch die Decke. Und wir erreichen das Ende des Rollercoasters, des Trails, der Rennstrecke etc pp außer Atem. Etwas zittrig. Mit einem Herzschlag, der sein Glück in den Kapriolen der Raserei findet.
Sicher. Wer kennt das nicht?
Aber erschöpft sich unser Sport darin? Das (un)popluäre Bild vom rücksichtslosen Mountainbiker, der sich pietät- und gedankenlos irgendwelche Wanderwege hinabstürzt und reihenweise gebrechliche Omis mit ebenso altersmüden Dackeln und wehrlose werdende Mütter ummäht, alles nur um des Rausches der Geschwindigkeit Willen – ist dieses Bild die unauflösbare Crux des Sports? Eben weil es vor allem darum geht: Um das Tempo auf dem Trail?
Zweifellos. Es gibt die Minderheit der Rücksichtslosen. Der Tempo-Egomanen. So wie es diese überall gibt. In nahezu jeder Sportart (ausgenommen vielleicht mal beim Schachspiel). Im Straßenverkehr. Im übertragenen Sinne letztlich in quasi jedem Aspekt des alltäglichen Lebens – von der Ampelüberquerung bis zum Büroalltag.
Aber diese, auch wenn es so manchem Mountainbike-Kritiker subjektiv so scheinen mag – sind in der Minderheit. Die stille Mehrheit hat andere Gründe, dem Trail zu folgen als die bloße Suche nach dem fastest pace.
Diese Gründe freilich sind so vielfältig wie die Menschen auf den Sätteln und unter den Helmen.
Für manche sind es die Momente inmitten der Natur. Wer einmal auf seinem Bike einem knorrigen Pfad folgte, der sich zwischen Herbstlaub und dunklen Stämmen dahinwand und dahinter das letzte Tageslicht über die Felder eines späten Herbsts durch die immer wieder aufscheinenden Lücken der Bäume floß, weiß, wovon ich rede.
Für manche sind es die Momente des Flows, des Zu-sich-kommens, des Eins-werdens mit dem Rad und dem Untergrund. Wer einmal auf seinem Bike einem Trail folgte und sich auf einmal ganz in dem Moment wiederfand, dass es nicht mehr das Rad war, das ihn fuhr. Sondern er ganz und gar das Rad. Und die Räder, die Dämpfung, das ganze Gerät unter ihm plötzlich eine bloße Verlängerung des eigenen Körpers darstellte und er auf der Erde, den Steinen, den Wurzeln, dem Moos, dahinfloß als wäre der Weg ein Teil von ihm selbst und erwüchse gleichsam aus ihm im schieren Augenblick, da er sich auf ihm fortbewegte, weiß, wovon ich rede.
Die Gründe, warum wir biken, sind so unterschiedlich wie wir Biker selbst.
Sicher ist aber. Es kommt nicht auf die Geschwindigkeit an. Eben wie beim Liebe machen. Die individuellen Vorlieben präferiere dann weiterhin jeder wie er mag.
A chacun ses plaisirs. 😉
Nora feat. DIMB trailnews!
Von der einsamen Radreise zum nödlichsten Ende der Welt über die DIMB-Ausbildung zum Bike Guide und den Traum vom Leben als Guide ins Krankenhaus …
… und der lange Weg zurück.
Ich freue mich, zukünftig den Stift schwingen bzw. die Tastatur hämmern zu können für die DIMB!
Die Themen? Vom Ringen mit der Motivation über Women on Bikes bis hin zu Flow statt Raserei soll kein Gedanke ungedacht bleiben ;).
Bleibt dran und lest mit!
Beiträge bald auf facebook und hier.
Radreisevortrag im Kino Babylon Fürth!
Vortrag über meine Reise RIDE YOUR F**** BIKE! Von Nürnberg zum Nordkap in 30 Tagen im Kino Babylon Fürth am 14. Januar 2019 um 19:00 Uhr!

Und auf facebook!
Ich bin keine Killerin, sprach sie und schoss. Im 2013er Reboot von Tomb Raider herrscht ein beinahe absurder Widerspruch zwischen der als verletzlich und quasi-pazifistisch dargestellten Hauptfigur und dem Gameplay, das auf reines Gemetzel zielt. Ähnlich geht es dem AAA-Titel Fallout 4. Und auch in vielen anderen Spielen überkommt uns ein bestimmtes Unbehagen, sind wir irritiert, weil es zu Konflikten zwischen Story und Gameplay kommt.
Aber ist vielleicht genau diese Irritation wünschenswert? Sollten Spiele nicht viel öfter Grenzen überschreiten, mit dem Erwarteten brechen – ja, vor den Kopf stoßen?
Jetzt in #7 GAIN Magazin!

Es ist soweit! Wie angekündigt ist der brandneue #slowtalk nun auf spielkritik.com erschienen.
Das Format soll in einer von gedanklicher Raserei geprägten Diskursgegenwart bewusstes Nachdenken, Überlegen, Formulieren und damit eine reflektierte Diskussion ermöglichen.
Einen Monat lang hirnten, diskutierten, theoretisierten und vertieften Sylvio Konkol von spielkritik.com, Aurelia Brandenburg von geekgefluester.de, Christian Neffe von AUDIO/VISUELL und ich über folgendes Thema:
Kanon Fodder – Zweck, Aufbau und Inhalt eines Videospiel-Kanons
Es geht um nicht weniger als die Frage nach den Kriterien einer Kanonisierung von Computerspielen, um die Machtstrukturen, die jeden Kanon bestimmen und schließlich um den Versuch einer Kanonfindung selbst!
Kurz: Wer entscheidet denn eigentlich, was relevant ist und was nicht? Was erhaltungs- und damit kanon-würdig ist und was nicht? Und nach welchen Kriterien könnte eine solche Entscheidung erfolgen?
Lest rein!
[picture by Sylvio Konkol]
Walk the line!
Fast vier Wochen lang in der immergleichen Rückenlage auf dem bleichgrauen Krankenhausbett liegend.
Das rechte Bein nach drei Operationen ein Trümmerfeld aus Blutergüssen, Schwellungen, kreischenden überdehnten Bändern und pochenden Knochen, die ihren Weg zueinander erst wieder finden müssen.

Drei Wochen lang der Blick an dieselbe Decke, dasselbe Fragment Himmel vor dem Fenster.
Die Nächte gehören dem Schmerz und sind endlos. Die Tage ziehen im immergleichen Takt der Krankenhausroutine vorüber. 8.30 Uhr Frühstück und Pillen. Visite. Waschen im Bett. Fieber messen, Blutdruck. Wunderbar. Liegen liegen liegen. 12.30 Uhr Mittagessen und Pillen. Liegen liegen liegen. Nachmittags Thrombosespritze, Fieber messen, Blutdruck. Wunderbar. 17.00 Uhr Abendessen und Pillen. Ab dann tut sie spätestens weh, die schleichende Zeit. 23.00 Uhr mehr Pillen.



Die immergleichen Fragen, Tag für Tag. Plötzlich ist man Zeitreisender, in einer Endlosschleife feststeckend, rotierend bis zum Ende aller Tage. Und alles tut weh.
Dann die Nacht. Draußen in einem anderen Krankenhausflügel schreit einer, Nacht für Nacht. „Hilfe“ schreit er und „Nein“ und ist wohl ganz gefangen in seiner eigenen Dunkelheit. Manchmal bellt ein Hund. Die Notfrufsirene der Schwestern hallt in regelmäßigen Abständen durch den Flur. Aber das alles ist es nicht, was mich vom Schlaf fernhält.
Es ist das Reißen und Schieben in meinem Bein, das Pulsieren der Schwellung, der Druck im wunden Fleisch. Aber noch viel mehr als das sind es die Schatten am Rande meines Bewusstseins. Sie lauern und knirschen mit den Zähnen und auf ihrer bleichen Stirn stehen ihre Namen und die sind ANGST, SELBSTMITLEID, VERZWEIFLUNG, TRAUER. Sie sind hässlich und bohren kleine Löcher in die Stärke, die ich zu haben mir einbildete und zersetzen diese. Zerfleddern meinen Mut. Spucken auf meine Zuversicht.
Aber dann änderte sich etwas.
Ich glaube, es war der Tag, an dem ich das erste Mal stand. Aufrecht. Freilich an einer Gehhilfe lehnend, zitternd und bleich vor Schmerz und Übelkeit und es waren gerade mal ein paar Sekunden bis maximal eine Minute, in der ich stand, bevor mich der Arzt aus Angst vor einer Ohnmacht wieder zurück ins Bett legte. Aber ich stand.

Oder vielleicht war es auch der Tag, an dem die Physiotherapeutin, die mich gar nicht behandelt, die aber meine Krankengeschichte verfolgt hatte, sich zu mir ans Bett setzte und zu erzählen begann. Von ihrem eigenen schweren Unfall mit Trümmerbruch vor Jahrzehnten, als sie hochschwanger war und behandelt werden musste – ohne Schmerzmittel aus Rücksicht auf das ungeborene Kind. Wie sie mir erzählte, dass auch das ginge. Dass jeder Albtraum ein Ende hat, wenn wir es so beschließen. Dass wir den Schmerz wegatmen können. Dass wir uns nicht beugen müssen. Dass unser Geist mächtiger ist als wir denken und unser Körper weit weniger fragil, als wir fürchten.
Oder vielleicht war es der Tag, an dem mir ein beinahe Fremder, ein flüchtiger Bekannter, der durch Zufall gerade auf einer langen VW-Bustour durch Skandinavien bis ans Nordkap und wieder zurück war und gewissermaßen meine Reise mit dem Rad von Nürnberg zum Nordkap nachvollzog, ein Bild abfotografierte, das er für mich gemalt hatte. Er hatte gerade den Nordkap-Tunnel durchquert und musste an mich denken. Meine Fahrt mit dem Rad durch den 7 km langen Tunnel, der über 200 m unterhalb der Wasseroberfläche liegt, schlecht beleuchtet und belüftet ist empfand ich extrem beängstigend und klaustrophobisch, was ich hier schilderte. Dieser Bekannte schlug nun kurzerhand den Bogen zwischen meinen beiden Reisen: Diese große, beschwerliche Reise jetzt sei ganz ähnlich wie meine Fahrt durch den Nordkap-Tunnel. Aber, so schließt die Zeichnung, das Gute an jedem Tunnel ist das Licht an dessen Ende.

Vielleicht war es auch der Tag, an dem ich das Zimmer zum ersten Mal verließ. Auf einen Gehwagen gestützt lief ich los. Lief wirklich, was ich mir noch wenige Tage zuvor in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte.
Dann stand ich draußen im Flur. Und lief weiter. Jede und jeder der Pfleger, die ich auf dem Weg traf, lächelte, grüßte, den Daumen nach oben. Alle hatten die letzten Wochen erlebt. Sie wussten, dass ich das Bein fast verloren hätte. Sie wussten von der Schwere des Bruches. Unterschenkel und Kniegelenk. 50 Trümmer, fein säuberlich zerstört. Sie haben die Schmerzen, die Tränen, die Schreie gehört. Sie waren dabei gewesen. Weil es ihr Job ist. Aber jetzt schien sich das ganze Krankenhaus zu freuen. Es geht bergauf, hörte ich von allen Seiten. Und ich lief immer weiter und weinte und lachte zugleich.
Oder vielleicht war es der Tag, an dem mich ein Freund kurzentschlossen in einen Rollstuhl setzte und raus schob. Draußen vor die Tür. Nur für einen Moment. Raus vor den Eingang, auf den Parkplatz. Wo man den Horizont sieht. Wo der Wind sachte weht. Wo ich weinen musste, weil auf einmal so viel Welt um mich war.

Vielleicht war es die erste Nacht, in der die Dunkelheit einfach nur die Dunkelheit blieb. Die Schatten lauern weiterhin, sie kratzen den Schorf auf meinen Ängsten auf und flüstern boshafte Fragen in meinen Geist.
Und der Schmerz bleibt, begleitet mich wie ein guter Freund, der mich daran erinnert, dass mein Bein ganz und gar kaputt ist. Und zugleich ganz und gar lebendig. Jeder Grad Biegung meines Kniegelenks, um den ich kämpfe, schmerzt.
Jeder Grad Biegung ist ein Triumph.
Ein Jetzt Erst Recht.
Ein Trotzdem.
Dieses Trotzdem baut auf dem Willen auf, der an Kilometer 19 vor dem Nordkap, nach knapp 3.400 km und 30 Tagen radfahren ohne Pausentag davor, beinahe aufgegeben hatte. Der dann aber wieder aufstieg und weiterfuhr. Es ist derselbe Wille, den es nun braucht, um wieder aufzustehen. Und weiterzulaufen.
Dieses Trotzdem baut aber auf noch viel mehr. Auf der Psychotherapeutin, die einfach zu erzählen begann. Auf die Pflegekräfte, die mir den erhobenen Daumen entgegengestrecken, Tag für Tag. Auf dem Chefarzt Dr. Groß, der nicht nur eine chirurgische Meisterleistung vollbracht hat, sondern mir den Glauben gibt, dass ich diese Reise schaffen kann und mir das Vertrauen vermittelt, dass ich auf die Ängste am Rande der Nacht nicht hören brauche. Auf den beinahe Fremden und seine Nordkap-Tunnel-Parabel. Auf jeden einzelnen Unbekannten der mir hier oder auf Facebook oder instagram ode über sonstige digitale Kanäle Mut und Zuversicht zuspricht oder auch seine eigene Geschichte erzählt. Auf die Freunde und die Familie, die lieben und nicht aufhören damit, egal wie verquollen verheult oder verzweifelt ich war und noch immer manchmal bin.
Und mit jedem Tag wächst diese Trotzdem. Eines Tages wird es Beine bekommen. Und mich davontragen. Zurück zum Horizont.

