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Words are not Actions? Der US-Wahlkampf 2016 und die Sprechakttheorie

Sprechen ist nicht gleich Handeln. In einem Wutanfall zu sagen: „Ich bringe dich um!“ ist nicht vergleichbar mit tatsächlichem Mord. Das scheint einleuchtend. Etwas zu sagen ist nicht das gleiche, wie es zu tun. Diese Unterscheidung wurde während der `Pussy-Gate-Affäre´ im US-Wahlkampf 2016 zwischen Donald Trump und Hillary Clinton besonders wirksam. Aussagen mit sexuell übergriffigem Inhalt sind nicht gleich tätlichen sexuellen Übergriffen. Aber was tun wir eigentlich, wenn wir etwas sagen? Und: Tun wir wirklich nichts?

Pussy-Gate

Am 7. Oktober, nur einen Monat vor der Präsidentschaftswahl, veröffentlicht The Washington Post ein Video von 2005, in dem Donald Trump sich brüstet, sexuell übergriffig gegen Frauen sein zu können, da er ein Star sei: „You know I’m automatically attracted to beautiful – I just start kissing them. It’s like a magnet. Just kiss. I don’t even wait. And when you’re a star, they let you do it. You can do anything. Grab ‚em by the pussy. You can do anything.“[1] Nach einiger Unruhe in den Reihen der Trump-Anhänger formiert sich doch bald eine klare Linie, die sich ganz der obigen Prämisse verschrieb. Trump-Anhänger Scottie Nell Hughes bringt es am 8. Oktober auf den Punkt: „It is one thing to say it. It is anoter thing to do it“[2]. Und als sie vom CNN-Moderator wiederholt gefragt wird, ob Trumps Aussagen in dem Video sexuelle Übergriffe beschreiben („Does he describe sexual assault?“[3]) antwortet sie: „If there were actions behind it, then I would say yes. But there are no actions behind it“[4]. Ein Wort ist also nur ein Wort, keine Tat. Worte sind nicht gleich Handlungen (actions). Dieser Logik folgt Trump ebenso wie seine Anhänger. Immer wieder wird betont, seine Aussagen seien nur „Locker Room Banter“[5], also das Zeug eben, was Männer so von sich geben, wenn sie unter sich sind. Die Gegenseite schüttelt währenddessen den Kopf. Locker Room Banter? Im Gegenteil. Trump spreche von sexuellen Übergriffen![6]. Tagelang beherrschen die Aussagen in dem geleakten Video die US-Medien mit der Frage: Locker Room Talk oder Sexual Assault?

Locker Room Talk oder Sexual Assault?

Mit J.L. Austin gesprochen, sind die Vertreter der Gegenseite auf der richtigen Spur. Irgendetwas an den Worten Trumps ist höchst problematisch, auch wenn es sich nicht um eine Tätlichkeit handelt. Irgendetwas ist problematisch an der Aussage: „Ich bringe dich um!“, auch wenn sie keinen direkten Mord darstellt. Aber was? Irgendwie scheint niemand so Recht diese Intuition argumentieren zu können. CNN-Moderator Don Lemon ist nahe dran, als er auf Hughes Aussage: „Am I supposed to sit here and jugde his [Trumps] words? I judge actions.“[7] antwortet: „Yeah, you are supposed to judge his words. And actions on the bus. Those were actions.“[8]. Die Intuition ist richtig. Zumindest folgt man der Sprechakttheorie und ihrem Begründer: J.L. Austin. Aber eines nach dem Anderen.

Klassisch: Manches Sprechen ist Handeln

Klassischerweise wird zwischen konstatierenden und performativen Sprachäußerungen unterschieden. Konstatierende Äußerungen sind deskriptiv und können also wahr oder falsch sein. Sie beschreiben einen Sachverhalt in der Welt. Performative Äußerungen dagegen konstituieren durch den Sprechakt selbst einen Sachverhalt in der Welt. Bei einer performativen Äußerung schaffe ich etwas, indem ich es sage. Das heißt aber auch, dass sie die Eigenschaft wahr bzw. falsch, wie sie die konstatierenden Äußerungen besitzen, nicht hat. Performative Äußerungen sind nicht deskriptiv, sondern normativ.[9] Sie beschreiben nicht einen vorhandenen Sachverhalt, sondern schaffen ihn erst. Performative Äußerungen sind Handlungen, weil sie einen neuen Sachverhalt schaffen. Und: Nur performative Äußerungen sind Handlungen, weil sie etwas neu schaffen, anstatt einen bereits vorhandenen Sachverhalt zu beschreiben.

Ein Beispiel:
Äußerungkonstatierend           „Dieses Auto mit dem Kennzeichen xyz ist gelb“.
Äußerungperformativ               „Ich taufe mein Schiff gelber Wind“.

Äußerungkonstatierend beschreibt einen Sachverhalt in der Welt. Sie kann wahr oder falsch sein. Wenn das Auto etwa nicht gelb, sondern rot ist, ist Äußerungkonstatierend falsch. ÄußerungperformatiV dagegen generiert einen neuen Sachverhalt in der Welt, nämlich, dass das bezeichnete Schiff mit Vollzug des Sprechakts fortan gelber Wind heißt. Was fällt auf? Richtig. Die performativen Äußerungen sind in dieser Logik eher rar gesät. Wir denken an Eheversprechen (Hiermit erkläre ich sie zu Mann und Frau), Babytaufen (Ich taufe dich auf den Namen) und vergleichbares. Durch die Äußerung tritt ein neuer Sachverhalt in die Welt. Der Sprechakt schafft Brautpaare, Identitäten etc. Sprechen ist hier eindeutig handeln. Aber ist das bei Trumps Pussy-Gate der Fall? Nein. Er schafft in seinen Äußerungen keinen neuen Sachverhalt in der Welt. Er beschreibt lediglich seinen Status und die seiner Meinung nach damit einhergehenden Privilegien. Eine konstatierende Äußerung also. Diese Äußerung kann in sich wahr oder falsch sein. Entweder es trifft tatsächlich zu, dass er mit Frauen alles machen kann, was er will. Oder nicht. Die Aussage ist aber nicht normativ. Sie schafft keinen neuen Sachverhalt in der Welt. Also: Ist Trumps Aussage tatsächlich nur eine Aussage. Keine Handlung. Die Locker Room Banter-Partei behält Recht. 1:0 für Trump.

Oder?

Austin: Alles Sprechen ist Handeln

Nicht ganz. Schauen wir uns noch einmal Lemons Aussage an: „Yeah, you are supposed to judge his words. And actions on the bus. Those were actions.“[10]. Irgendwie hat er Recht. Zumindest haben wir diese Intuition. Aber warum? Und hier landen wir endlich bei J.L. Austin.

Erinnern wir uns an das obige Kapitel? Die Geschichte mit der Unterscheidung zwischen konstatierenden und performativen Äußerungen?

Gut.

Und jetzt vergessen wir die Unterscheidung!

Genau dafür argumentiert der Philosoph und Begründer der Sprechakttheorie J.L. Austin. Seine Argumentation in Grob: Konstatierende und performative Äußerungen können auf dieselbe Art und Weise misslingen. Wenn sie so unterschiedlich wären, wie man uns weismachen will, dann wäre das nicht möglich. Demnach sind konstatierende und performative Äußerungen gleichzusetzen.

Fancy ausgedrückt – P sind die Prämissen und K die aus Prämissen P1-P3 logisch folgende Konklusion:

(P1)             Alles Sprechen besteht aus performativen und konstatierenden Äußerungen.
(P2)             Performative Äußerungen sind Sprechakte (performatives Sprechen ist Handeln).
(P3)             (Nach Austin:) Konstatierende Äußerungen sind performative Äußerungen.
(K)              Alles Sprechen ist Handeln.

Dass P1 und P2 gelten, haben wir oben ja schon herausgefunden. Alles hängt jetzt also an P3. Hier muss Austin beweisen, dass konstatierende und performative Äußerungen tatsächlich gleich sind. Dann, und nur dann, gilt die Konklusion K – und Trump hätte ein Problem.

Das gemeinsame Misslingen

Schauen wir uns also P3 an. Wie argumentiert Austin? Wie gesagt, er kritisiert die Trennung zwischen konstatierenden und performativen Äußerungen. Konstatierende Äußerungen können auf die gleichen Arten misslingen wie performative Äußerungen. Das ist der gemeinsame Nenner beider Äußerungsarten und bewirkt, dass konstatierende Äußerungen mit performativen Äußerungen gleichzusetzen sind. Es gibt drei Arten des Misslingens, die konstatierende und performative Äußerungen gleichermaßen betreffen können:

(1) Nichtigkeit aus Mangel an Bezugsobjekten
(2) Selbstannulierung der Aussage durch Mangel an Aufrichtigkeit bzw. Missbrauch des Verfahrens und
(3) Bruch der Verpflichtung.
Her mit den Beispielen!

Nichtigkeit aus Mangel an Bezugsobjekten

Einfacher: Eine für die Gültigkeit der Äußerung notwendige Voraussetzung ist nicht erfüllt.
Äußerungkonstatierend           „Dieses Auto mit dem Kennzeichen xyz ist gelb UND es gibt kein Auto mit dem Kennzeichen xyz.“
Äußerungperformativ             „Ich taufe mein Schiff gelber Wind UND ich habe kein Schiff.

Äußerungkonstatierend setzt genauso voraus, dass es das Auto mit dem Kennzeichen xyz gibt, wie Äußerungperformativ , dass der Sprecher tatsächlich ein Schiff hat. Beide Äußerungen misslingen also auf die gleiche Art: Aus Mangel an Bezugsobjekten.

Selbstannulierung der Aussage

Einfacher: Etwas wird irrtümlich zu verstehen gegeben, entweder durch Mangel an Aufrichtigkeit oder durch den Missbrauch des Verfahrens

Äußerungkonstatierend                „Dieses Auto mit dem Kennzeichen xyz ist gelb UND ich glaube nicht, dass es gelb ist.“ (Mangel an Aufrichtigkeit)
Äußerungperformativ                  „Ich taufe mein Schiff gelber Wind UND ich habe nicht die Absicht, es so zu taufen.“(Missbrauch des Verfahrens)

Auch hier misslingen beide Äußerungen auf die gleiche Art: Äußerungkonstatierend „Dieses Auto mit dem Kennzeichen xyz ist gelb“ gibt zu verstehen, dass der Sprecher dies auch glaubt und Äußerungperformativ „Ich taufe mein Schiff gelber Wind“ impliziert, dass der Sprecher auch beabsichtigt, das Schiff auf diesen Namen zu taufen.

Bruch der Verpflichtung

Einfacher: Sprecher brechen die in einer bestimmten Äußerung implizite Verpflichtung, sich auf bestimmte Weise zu verhalten oder bestimmte Aussagen (nicht) zu treffen.

Äußerungkonstatierend                „Dieses Auto mit dem Kennzeichen xyz ist gelb UND später sagt der Sprecher es ist rot.“
Äußerungperformativ                  „Ich taufe mein Schiff gelber Wind UND behandle es wie einen roten Teufel.“

Durch die Äußerungkonstatierend „Dieses Auto mit dem Kennzeichen xyz ist gelb“ verpflichtet sich der Sprecher dazu, bestimmte zukünftige Aussagen, die diesem Sachverhalt widersprechen, nicht zu tätigen.  Indem er später behauptet, das Auto sei rot, bricht er diese Verpflichtung. Genauso wie die Äußerungperformativ den Sprecher dazu verpflichtet, das Schiff in seinem Verhalten als gelber Wind zu behandeln. Das Beispiel hier ist ziemlich kafkaesk. Es sei aber angenommen, dass ein Schiff mit dem Namen gelber Wind gänzlich anders behandelt wird als ein Schiff mit dem Namen roter Teufel.

Sexual Assault Talk ist Handeln

Die Konklusion von oben gilt also. Weil konstatierende und performative Äußerungen auf die gleiche Art misslingen können, ist die Trennung zwischen ihnen nicht haltbar. Unsere Intuition – von Lemon auf den Punkt gebracht – ist richtig. Was uns stört an Hughes Aussage, das sei ja alles nur Gerede gewesen und keine Handlung, ist genau das, was Austin beschreibt. Worte sind nicht nur Worte. Jede konstatierende Äußerung ist zugleich performativ. Alles Sprechen ist Handeln. Das heißt natürlich nicht, dass Mord gleichzusetzen ist mit dem Ausruf „Ich bringe dich um!“. Eine hate speech ist noch kein hate crime. Wir müssen natürlich unterscheiden zwischen Vergewaltigung und dem Reden darüber.

Aber die Unterscheidung ist lediglich eine graduelle, keine binäre.

 


 
[1] https://www.washingtonpost.com/news/wonk/wp/2016/10/07/the-real-issue-with-donald-trump-saying-a-man-can-do-anything-to-a-woman/?utm_term=.9038f713a58d
[2] https://www.youtube.com/watch?v=CmK6Ci3RIHU
[3] https://www.youtube.com/watch?v=CmK6Ci3RIHU
[4] https://www.youtube.com/watch?v=CmK6Ci3RIHU
[5] http://www.nytimes.com/2016/10/08/us/politics/donald-trump-apology.html?_r=0
[6] Nur ein Beispiel unter vielen: https://www.youtube.com/watch?v=yr8US5tRWu0
[7] https://www.youtube.com/watch?v=yr8US5tRWu0
[8] https://www.youtube.com/watch?v=yr8US5tRWu0
[9] Anmerkung: Die Ähnlichkeit zwischen performativen Äußerungen und normativen Aussagen ergibt sich m.E. daraus, da normative Aussagen ebenso wenig wie performative Äußerungen wahr oder falsch sein können. Deskriptive Begriffe beschreiben, normative Begriffe bewerten bzw. sind handlungsleitend bzw. schaffen einen Sollens-Sachverhalt. In diesem Sinne entsprechen sie performativen Äußerungen
[10] https://www.youtube.com/watch?v=yr8US5tRWu0
Abb. nach: http://www.crashcamfilms.com/ApeShit/AS-pics/Albert%20boob%20grab.jpg/https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/564x/8e/61/9f/8e619f2d6a15c3ca99daf87ad4529dfa.jpg

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Der "War On Bullshit" oder: Wo ist die Lüge hin? Politischer Diskurs im postfaktischen Zeitalter

Am 28. September 2015 verkündete Trevor Noah die Fortsetzung des „War On Bullshit“.
Der gerade mal 32-jährige, aus dem südafrikanischen Johannesburg stammende, Comedian übernimmt nach sechzehn Jahren (!) John Stewart dessen Platz hinter dem Schreibtisch der The Daily Show.
Kaum vier Monate zuvor offenbarte sich Donald Trump, aus den güldenen Gefilden seines Rococo-Penthouses in Trump Tower, 725 Fifth Avenue, herabsteigend, auf der berühmten Rolltreppe ebenda, als  Präsidentschaftskandidat für den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.
Nun sind es noch sechsundzwanzig Tage bis zur Wahl am 8. November und es bleibt nur eine Frage: Wo ist eigentlich die Lüge hin?
Diese Frage erscheint erst einmal überraschend. Beide Wahlkampflager bezichtigen den jeweils anderen als Lügner („Crooked Hillary“) und beide Seiten haben ihr Päckchen an Unwahrheiten zu tragen. Zweifelsohne. Die US-Medien und soziale Netzwerke fact-checken rund um die Uhr. Und trotzdem: Die Wirkung, wenn eine Lüge als solche entlarvt wird, hält sich oft überraschenderweise in Grenzen. Trump hat nachweislich den Klimawandel bestritten, Position für den Irakkrieg bezogen und ist rassistisch und sexistisch ausfällig geworden. Er bestreitet all das. Die Fact-Checker in Medien und Öffentlichkeit verweisen verzweifelt auf die Fakten, auf die Wahrheit. Und natürlich haben sie Recht.
Aber genau hier liegt das Problem.
Fakten sind obsolet im postfaktischen Zeitalter.
Und vielleicht ohne es zu wissen, hat Trevor Noah mit der Wahl des Begriffs „Bullshit“ ins Schwarze getroffen.
Trump ist kein Lügner, sondern ein „Bullshitter“.
In seinem Essay „On Bullshit“ (2005) zieht der Philosoph Harry Frankfurt die Grenze zwischen „Bullshit“ und Lüge. In einer Anekdote von Fania Pascal besucht der Philosoph Ludwig Wittgenstein seine Kollegin und Freundin, die gerade an den Mandeln operiert worden ist und nun im Krankenbett liegt. Als sie klagt, sie fühle sich wie ein überfahrener Hund, antwortet Wittgenstein angewidert („disgusted“[1]), sie habe ja keine Ahnung, wie sich ein überfahrener Hund fühle („You don´t know what a dog that has been run over feels like“[2]). Pascal sieht nur noch Fragezeichen. Wittgensteins Reaktion ist mehr als nur unangebracht. Sie ist schlicht rätselhaft.
Was in Pascals Aussage ist es, das ihn so aufregt? Natürlich weiß Pascal nicht, wie sich ein überfahrender Hund fühlt. Aber lügt sie deshalb? Regt Wittgenstein sich vielleicht über die Aussage auf, weil er sie für eine Lüge hält? Aber wenn das eine Lüge wäre, wären alle Metaphern und Vergleiche, die wir im Alltag von uns geben, Lügen. Das ergibt kaum Sinn. Wir würden nur dann sagen, Pascal lüge, wenn sie etwa behauptet, sie fühle sich wie ein überfahrener Hund, obwohl sie sich eigentlich topfit fühlt. Wittgenstein wirft ihr also nicht vor, dass sie lüge.
Was aber dann?
Das Problem ist der Anteil an „Bullshit“ in Pascals Aussage. Anstatt den von ihr erlebten Zustand schlicht  mit „mir geht es schlecht“ zu beschreiben (und dann auszuholen), wählt Pascal einen exzessiv spezifischen Vergleichswert („wie ein überfahrener Hund“), der sich um Wahrheitswerte nicht kümmert. Es ist keine Lüge, weil der Wahrheitswert als Maßstab in dieser Aussage schlicht unwirksam ist. Pascal lügt ja nicht, weil sie sich eben irgendwie so schlecht fühlt wie sich ein Hund unter gegebenen Umständen fühlen muss. Das ist keine Lüge.
Der Vergleich ist schlicht „Bullshit“, weil er sich eben nicht bemüht, real zu sein, d.h. sich um Wahrheitswerte zu bemühen: „Her fault is not that she fails to get things right, but that she is not even trying“[3].
Pascals Aussage entzieht sich dem binären System wahr/falsch und damit der Frage nach Wahrheit/Lüge. Weder ist sie davon überzeugt, dass ihre Aussage wahr ist (sie weiß ja, dass sie eben nicht weiß, wie sich der überfahrene Hund fühlt), noch ist sie davon überzeugt, dass sie falsch ist (dann würde sie ja lügen, das gerade tut sie ja aber nicht). In Frankfurts Worten: „It is just this lack of connection to a concern with truth – this indifference to how things really are – that I regard as the essence of bullshit“[4].
Damit sind wir abgelöst vom System Wahrheit/Lüge und mitten drin im „Bullshit“. Einziger Referenzpunkt hier: Subjektive Wahrnehmung.
Natürlich ist es gelogen, wenn Donald Trump die Arbeitslosigkeitsrate in den USA regelmäßig mit bis zu 42% beziffert (tatsächlich 5,1%). Aber in einem Diskurs, der die Sphäre des binären Systems Wahrheit/Lüge verlassen hat und in der Umlaufbahn des A-faktischen, des „Bullshits“, schwebt, ist das eben deshalb nicht gelogen, weil der dazugehörige Maßstab schlicht nicht mehr existiert. Als würde man mit einer rein schwarzen Farbpalette einen Baum malen wollen. Wir wissen, dass wir grün brauchen, dass Bäume grün sind und dass das die Wahrheit ist. Ist aber irrelevant. Es gibt halt nur Schwarz.
Im postfaktischen Diskurs geht es also nicht um eine Verneinung der Wahrheit. Es geht nicht darum, dass Fakten, d.h. die Frage nach Wahrheit/Lüge ignoriert werden. Natürlich werden sie das. Genauso wie Pascal weiß, dass sie eben nicht weiß, wie sich der überfahrene Hund fühlt.
Es geht darum, dass die binäre Codierung Wahrheit/Lüge auf Faktenbasis nicht mehr die moralisch maßgebliche ist.
Der Referenzpunkt dafür, ob etwas wahr oder falsch ist, ist einzig und allein das subjektive Empfinden.
Genau das steht hinter Aussagen wie der von Georg Pazderski, Mitglied des Bundesvorstands der AfD: „Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht da drum, wie das der Bürger empfindet. Das heißt also das, was man fühlt, ist auch Realität[5]“. Genau deswegen bleibt Trumps magische 42%-Arbeitslosenmarke weiter wirksam, auch wenn sämtliche Fact-Checker sie wieder und wieder öffentlich zerlegen: Weil das subjektive Empfinden bestimmter Bevölkerungstruppen u.a. durch Trump genau in diese Richtung gelenkt wird.
Ängste, die sich unabhängig von Fakten gebildet haben, können durch Fakten nicht zerstreut werden. Die Wahrheit ist kein wirksamer Referenzpunkt mehr. Es ist egal, wie die Realität wirklich ist, weil nur unsere subjektive Wahrnehmung eine Realität bildet, die relevant ist.
Genau deshalb hilft all das fact-checken nicht. Fakten sind nur dann relevant, wenn sie als Maßstab anerkannt werden, ob etwas wahr oder falsch ist. Im postfaktischen Diskurs geht es aber gar nicht mehr um die Frage nach wahr oder falsch.
Es geht darum wie wir uns fühlen, unabhängig davon, ob wir das aus gerechtfertigten Gründen tun.
Ungefähr so, als würden wir das kleine Kind beruhigen, dass es keine Angst vor dem Monster unter dem Bett zu haben braucht, weil unter dem Bett kein Monster ist. So richtig hilft das manchmal nicht. Da helfen auch die Fakten nichts. Weil das Monster unter dem Bett in der Realität des Kindes eben unter dem Bett bleibt, so sehr wir es auch daraus hervorholen. Das ist in Ordnung. Das ist normal. Für ein Kind. Im postfaktischen Diskurs scheint dieses infantile Merkmal im Umgang mit Fakten auf ganze Bevölkerungsteile übergesprungen zu sein.
Am Ende wünscht man sie sich beinahe zurück, die gute, alte Lüge. Die, sobald entlarvt, als valides Argument gilt, sich von bestimmten Meinungen zu verabschieden und anderen zu folgen. Aber der „Bullshit“ geht weiter, weil er schlicht deswegen nicht widerlegt werden kann, weil er sich außerhalb der Logiken des Verifizierens/Falsifizierens bewegt. Der Fact-Check ist machtlos gegen „Bullshit“.
Aber wie darauf adäquat reagieren?
Michelle Obama hat mit ihrem Credo „When they go low, we go high“ sicherlich moralisches Oberwasser. Aber letztlich kommt genau darin die Hilflosigkeit zum Ausdruck. Was sie meint ist: Wenn Trump lügt, dann sagen wir umso mehr die Wahrheit. Das Problem ist aber eben genau das: Der Diskurs findet außerhalb der Kategorien Wahrheit/Lüge statt. Michelle Obama fordert also zu einer Reaktion auf, die nur dann funktioniert, wenn beide Seiten inerhalb derselben Logik agieren – Wahrheit/Lüge mit dem Faktischen als Bezugspunkt. Trump handelt aber in der Logik des „Bullshit“. Das ist, als würde ich ein Feuer nicht mit Wasser löschen wollen, sondern mit der rechnerischen Beantwortung der Frage ob Hummeln unter bestimmten Bedingungen tauchen könnten. Schlicht: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun und kann also keine wirksame Antwort darauf geben.
Es bleibt zu hoffen, dass der Diskurs, wenn nicht zum Faktischen, dann doch zumindest zur Lüge zurückfindet. Denn: Einen Konsens in einer Gesellschaft zu erreichen, die nicht nur unterschiedliche Voraussetzungen im Bereich des faktischen Wissens hat und daraus subjektiv verschiedene Konsequenzen zieht, ist schon schwer genug. Einen Konsens in einer Gesellschaft zu erreichen, in der das subjektive Empfinden der einzige Referenzpunkt für Realität ist, ist unmöglich.
Das erste wäre in etwa so, als gäbe es in unserer Farbpalette nur Graustufen und man will einen Baum malen. Alle streiten sich, ob jetzt dieses Grau oder jenes Grau dem idealen Baum näher komme. Aber alle sind sich zumindest einig, dass Bäume grün sind. Und verdammt, jetzt haben wir zwar kein Grün, aber doch alle den gleichen Referenzpunkt.
Anders beim zweiten Fall. Auch hier gibt es nur eine Farbpalette mit Graustufen und auch hier soll wieder ein Baum gemalt werden. Nun meint der eine aber, Bäume sind pink mit Bonbons daran. Der andere meint, nein, Bäume sind einfach nur große Katzen und ein dritter ist davon überzeugt, dass es Bäume überhaupt nicht gibt.
Wo wird ein gesellschaftlicher Konsens wohl wahrscheinlicher sein?


[1] Frankfurt, Harry (2005): On Bullshit. Princeton UP, S. 6.
[2] ebd. S.6.
[3] ebd. S. 8.
[4] ebd. S. 8.
[5] http://www.hr-online.de/website/radio/hr-info/index.jsp?rubrik=47572&key=standard_document_62098268.

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Dann manchmal

möchte ich aufstehen

das Zimmer verlassen

oben mich hinstellen

an das Ende der

Wendeltreppe aus Stahl

und hinunterfallen

hinunter

hinunter

so dass ich mit

meinem linken Beckenknochen

auf der untersten

Strahlenfassung aus rauem

Metall aufschlage

genau auf den Knochen

und ein oder zwei

von Evas Rippen

Dann stelle ich mir vor

wie der Schmerz

mich grüßen wird

zunächst stürmisch, unbeholfen

und grob

einer mit Flaum auf dem Kinn

der noch nicht geliebt hat

dann aber

nachdem er mir

das Becken gebrochen

und mir die dritte Rippe

in die Lunge

gestoßen hat

und Blutgerinnsel aus

meiner Iris verborgenen Adern

– er lernt schnell

wird sanft

wird zart

Herbstlaub und Husarenschlaf

und ich taub

schlucke Wolle

lecke Watte

alles jenseits meiner Zunge

liegt unter der Baumgrenze

unter Tannenruß versteckt

Don Juan mein Schmerz

dann der ewige Ehemann

neben mir auf der Verandakühle

in mückenlosen Mittagsschlaf

sich schaukelstuhlschaukelnd

und rote Band

unter meinem Becken

ist Erdbeersaft

und das weiße Rauschen

am Rand meines Selbst

nur die Dämmerung

 

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Ich gehe jetzt

komm

Willst du mich nicht

Ein

Zwei

Schritte

Zur Tür begleiten ?

Nein

Frag nicht

Du hast schon

So oft gefragt

Wer

Es sein wird

Der zurückkehrt

Die Angst

Dass nicht ich

Nicht das Ich von heute

Es sein wird

Das an einem

Noch unbekannten

Morgen

Dort

Die Klinke

Drücken wird

Kann ich dir nicht nehmen

Ich kann dir nichts

versprechen

Mich selbst verlieren

Hinter dieser Tür

Ist alles möglich

Vielleicht

Kehrt einer zurück

Den du nicht mehr kennst

Und du reibst dir die Augen

Und mein Name

Liegt dir auf der Zunge

Aber

Er schmeckt nicht mehr

Nach mir

Hinter dieser Tür

Wechsle ich die Häute

Um meinen Geist

Und gehe

Mit der Ferne

Zu Bett

Heute

Bitte ich dich

Komm noch

Mit mir

Die ein

Zwei

Schritte zur Tür

Auf die Gefahr hin

Dass aus

Auf Wiedersehen

Leb Wohl

wird

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Die Geschichte vom uralten Wetterhahn und dem Raben Alleweil

Es war einmal ein winziges Dorf im Norden der Welt, das besaß nichts außer einer uralten Kirche, die schon länger im Wald stand als die Menschen im Ort sich erinnern konnten. Die Kirche war nicht groß und nicht voll Gold und Silber, wie ihre Geschwister in anderen Städten und Orten, aber aus der Mitte ihres Daches ragte ein sehr schöner, wenn auch alter und runzliger Kirchturm, mit einem eiserne Wetterhahn an der Spitze heraus.

Immer wenn die Glocke im Turm zur vollen Stunde schlug, tanzte der Hahn, über die Wipfel der Bäume hervorlugend, im Kreis herum, so oft wie es Schläge tat und die Stunde schlug.

Weder der Turm, noch der Wetterhahn, noch die Bauern im Dorf konnten sich an eine Zeit erinnern, in der es anders gewesen wäre.

Und so vergingen Jahre und Jahrzehnte und vielleicht sogar Jahrhunderte – wer kann das so genau schon wissen?

Bis zu jenem Winter, als der Rabe kam.

Alleweil war nämlich ein Rabe auf der Suche nach dem Ende der Zeit. Nicht, dass er des Lebens überdrüssig gewesen wäre, aber nach langen Jahren des Brütens, des Futtersuchens und des allzu oft ziellosen Umherfliegens in seinem familiären Revier sprach er zu Mutter und Vater Rabe:

-Vater, Mutter, ich ziehe aus das Ende der Zeit zu suchen.

Keiner der Raben verstand es und ein großes Geschrei und Gekrächze ging durch den heimatlichen Wald:

-Was hat die Zeit schon, dass du sie suchen musst?

Der Vater legte dem Sohn einen seiner schwarzen Flügel auf das kohlefarbene Gefieder und sagte:

-Du brauchst nicht auszuziehen und ihr Ende suchen. Wenn du älter bist, wirst du sehen, dass es schon früh genug kommt, früher als es dir vielleicht lieb ist.

Aber Alleweil hörte nicht und flog in die Welt hinein.

In jenem Winter fand er lange Zeit nichts zu fressen, tief waren alle Würmer unter die eisgefrorene Erde gekrochen, Schnee bedeckte das Land.

Erschöpft und verzweifelt kam Alleweil in das winzige Dorf und suchte Unterschlupf im uralten Kirchturm.

Als es Zwölf schlug kam Leben in den mit Raureif beschlagenen Wetterhahn auf der Spitze des Turms.

Mit jedem Glockenschlag tanzte er im Kreis herum.

Alleweil wunderte sich sehr über das Benehmen des Hahnes und nach dem letzten Schlag fragte er:

-Warum drehst du dich?

Der uralte Wetterhahn schüttelte erst ein wenig den frischgefallenen Schnee von seinem eisernen Köpfchen, bevor er antwortete:

-Ich gebe die Zeit an.

Alleweil wunderte sich immer mehr:

-Aber das macht doch die Glocke. Niemand liest an dir die Zeit ab.

-Ich gebe die Zeit an. Von Anfang bis zum Ende. Wenn ich mich drehe wenn die Glocke schlägt weiss ich das Ende der Zeit, wenn sie aufhört und ich stillstehe.

-Aber du bist doch ein Wetterhahn! Du sollst das Wetter, nicht die Zeit angeben.

-Papperlapapp. Du bist ein Rabe und solltest jagen und längst weiter im Süden sein. Und doch sitzt du halb verhungert im Schnee und redest mit einem Wetterhahn. Und dabei können Wetterhähne gar nicht reden!

Und damit schwieg der Hahn und war stumm wie zuvor.

Aber Alleweil hatte Hoffnung geschöpft. Er war schon so weit geflogen und alles für das Ende der Zeit hinter sich zurückgelassen. Der Wetterhahn hatte vom Ende der Zeit gesprochen.

-Wenn ich es hier nicht finde, dachte Alleweil in seiner Verzweiflung, dann werde ich unverrichteter Dinge wieder zurückkehren müssen.

Nachdrücklich hackte er mit seinem spitzen Schnabel gegen den eisernen, nun starren Wetterhahn:

Guter Wetterhahn, flehte er, bitte erzähle mir vom Ende der Zeit.

Noch immer etwas gekränkt, blinzelte der Hahn den Raben an:

Warum wirst du es wissen wollen? Es würde dein Ende bedeuten.

Alleweil schüttelte den Kopf:

Das glaube ich nicht. Du lebst ja auch noch.

Wie kann ein Rabe auch wissen, dass ein Wetterhahn nicht sterben kann, weil er noch nie gelebt hat?

Alleweil flehte weiter:

-Ich bin so weit geflogen und habe so viele Länder durchquert. Aber Nirgendwo habe ich das Ende der Zeit gefunden!

-Das liegt daran, dass du nicht genau hinsiehst. Du verlierst dich im Großen der Frage ohne zu sehen, dass das Große aus vielem, vielem kleinen besteht. Schau!

Mit einem metallenen Quietschen drehte sich der Wetterhahn Richtung Dorf. Alleweil verstand nicht. Ungeduldig nickte der Wetterhahn auf eine der im Schnee begrabenen Hütten, aus der dünner Rauch aus einem schütteren Schornstein aufstieg.

In dieser Hütte liegt eine Alte in ihrem alten, hölzernen, harten Bett im Sterben. Sie hatte ein langes aber unbarmherziges Leben. Feldarbeit und sechs Kinder, drei Enkel und einen toten Ehemann. Sie hat den letzten Krieg gesehen und Liebe erfahren. Sie war nie gebildet und hat nie Habgier empfunden, weil sie zu einfach ist. Sie stirbt in soviel Glück, soviel sie sich selbst zugestanden hat und soviel ihr das Leben gewährte, das sie führte.

In dieser Hütte liegt das Ende der Zeit.

Alleweil verstand nicht.

Seufzend verbog sich der Wetterhahn auf seinem eisernen Gestell, bis sein Schnabel auf den uralten Kirchturm zeigte, auf dem sie saßen.

-Dieser Kirchturm ist bald so alte wie die Menschen selbst. Aber auch sein Ende kommt. Die Zeit wird ihm die Mauersteine aus dem Leib bröckeln lassen, sie schwächt ihn und er wird einstürzen und nur Ruinen werden seine Kinder sein. Wenn er fällt, dann falle ich mit ihm und werde nur noch in Erinnerung leben, bis auch diese Erinnerung vergessen wird von der Zeit.

In diesem Kirchturm liegt das Ende der Zeit.

Alleweil verstand nicht.

Der Wetterhahn bog sich wieder zu ihm hinauf, bis er de Raben direkt in die schwarzen Augen sah:

-Du, Rabe, bist weit geflogen und hast viele Länder durchquert, viel gesehen und doch nichts wahrgenommen. Hast alles zurückgelassen um das Ende der Zeit zu finden und verstehst nicht, dass du genauso gut an einem einzelnen Ort hättest sitzen bleiben können und nur ein wenig hättest warten müssen.

Du hättest Kinder haben können, mit deiner Familie überwintern können und Nahrung suchen und dadurch warten und gleichzeitig die Wartezeit verkürzen können. Du hättest Gutes und Schlechtes in deinem Leben tun können, Schlachten schlagen oder Frieden vermitteln können.

Du, Rabe, bist das Ende der Zeit.

Nur stellst du die falsche Frage. Nicht das Ende der Zeit will gefunden werden. Die Zeit ist zu kurz. Frag dich, was du aus ihr machen kannst.

Danach schwieg der Wetterhahn.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schnell Alleweil wieder daheim war.

Im Dorf derweil starb die alte Frau und wurde von vielen beweint. Auch ich war da und vergoss eine Träne.

Und nach weiterer Zeit hörte man im Ort einen gewaltigen Schlag, Staubwolken quollen durch den Wald.

Der uralte Kirchturm war zusammengebrochen.

Den eisernen Wetterhahn sah man nie wieder.

Der Rabe Alleweil jedoch bekam von alledem nichts mit.

Er spielte mit seinen Kindern und half weiter brüten, pickte nach Nahrung zwischen den Moosen und schnäbelte mit seinen Eltern.

Hin und wieder dachte er an den uralten Wetterhahn, lachte dann krächzend und sprach – zur großen Verwunderung der Raben im Wald – :

Wetterhähne können doch gar nicht reden.  

 

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humbug!

A classic point&click adventure about mysterious happenings, fantastic creatures, dreams and what really is important in life.

 
Coming soon…
 

 
 

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LostWakeUp

LostWakeUp is a classic Jump&Run combined with portalgun-mechanics in a completely handdrawn postapocalyptic setting.

Uh, yeah, and it is DARN difficult.

Story

2085. Overpopulation on earth has been unstoppable. People all over the world suffer as hunger crises strike. New Gorad. 200 million residents live inside the city borders of New Gorad. Chemicals and industrial waste poison the ground water. Fresh water does not reach the inner city anymore. Millions face their inevitable death, if there will be no aid. But there is hope: Pure Blue 1.

It is day three after the initiation of Pure Blue 1. But something went wrong.

Meet Oscar, who has been struck down by a mysterious disease. As he barely recovers, he finds New Gorad deserted…

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The story of LostWakeUp is framed by the omnipresent signs of the BlueTec Corporation, the producers of Pure Blue 1. As you follow the protagonist along, it is soon clear that something went terribly wrong – the escalating destructions of the signs bear witness to that. But what happened?

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Die Allegorie des Pilgers Herr K.

Herr K. hatte in diesem Sommer ganze drei Wochen Urlaub, als er sich entschloss, den Jakobsweg zu gehen.

Er kündigte also seine Abwesenheit im Büro an, ordnete seinen Schreibtisch, gab die Katze zu den Nachbarn, kaufte sich einen Rucksack, besah sich einige Karten und ging los. Er ging wohl aus ähnlichen Gründen los wie die meisten anderen; und sie alle hatten etwas mit einem Irgendwie zu tun: Herr K. war irgendwie mit seiner Arbeit unzufrieden und irgendwie auch mit dem Reihenhaus, in dem er mit der Katze wohnte, seit seine Frau ausgezogen war. Er war irgendwie unzufrieden mit dem, was er tagaus, tagein tat und irgendwie half auch das Glas Rotwein am Abend nicht mehr. Aber genauso, wie er nur irgendwie wusste, dass etwas nicht stimmte, wusste er nicht, was genau es war oder wie er es ändern könnte. Er hatte dann wohl im Fernsehen eine Dokumentation über jemanden gesehen, der auch irgendwie unzufrieden gewesen und daraufhin den Jakobsweg gelaufen war. Am Ende der Dokumentation wurde gesagt, dass es eine ganz besondere Erfahrung gewesen wäre und einen irgendwie zurück zu einem selbst gebracht hätte (so zumindest meinte der Kommentator).

Herr K. hielt das für eine gute Idee. Zumal er keine andere hatte.

Er lief also los.

Drei Wochen, so meinte er (und so hatte es auch in der Dokumentation geheißen und in diversen Ratgebern, die er sich in der Bibliothek zu diesem Zwecke geborgt hatte), müssten sicherlich ausreichen. Zumindest ausreichen, um zurück zu sich selbst zu finden (immerhin war es ja sein kompletter Jahresurlaub).

Er lief also los.

Die ersten Tage verliefen recht gut. Natürlich taten ihm bald die Füße weh und der Rucksack war ihm von Tag zu Tag schwerer und er begann, Socken am Wegrand zurückzulassen und die Bücher, die mitgenommen hatte (für den Fall, dass ihm einmal langweilig werden könnte). Er traf auch viele Menschen auf dem Weg, Pilger wie er, die früh aufstanden, um die ersten am Nachmittag in der Herberge zu sein und die oft herumsaßen und sich darüber unterhielten, ob das Meer in Australien nun blauer war als das Meer in Kantabrien und ob der Kaffee in Astorga besser wäre als der in Estella bei der Herberge mit den blauen Fensterläden und wieviel Kilometer mehr der eine als der andere an diesem Tag gelaufen wäre. Herr K. war nur selten herumgekommen und hörte meistens zu und weil er auch nicht mehr Kilometer jeden Tag als alle anderen lief (eigentlich sogar weniger), konnte er auch dort nicht viel mitreden und saß meistens also da und trank sein Glas Rotwein jeden Abend. Wie daheim. Seine Katze fehlte ihm.

Aber er lief weiter.

Am Ende der ersten Woche traf er am Wegrand eine alte Frau. Die hatte ihre Schuhe ausgezogen und ihre Füße waren voll Blasen und ihre Fersen offen. „Es ist schon spät“ rief sie ihm zu, als er an ihr vorüberging, „willst du mir wohl nicht helfen zum Dorf“ sagte sie, und wies auf ihre wunden Füße. Herr K. war gut in der Zeit und entschied sich also, der alten Frau zu helfen. Zusammen schnürten sie ihre Schuhe an Herrn K.s Rucksack und gingen zum Dorf. Aber die Frau war sehr langsam und sie erreichten das Dorf erst spät. Als sie endlich ankamen, war die Herberge schon voll. Nur ein Bett war noch frei. Herrn K. schmerzten seine Füße doch sehr und sein Rücken war krumm, da er die Alte gestützt hatte. Aber er ließ ihr das Bett und legte sich vor der Herberge ins Gras. Am nächsten Tag schlief er so lange, dass er viel zu spät loskam. Sein Rücken war durch die Nacht auf dem Boden noch krummer als davor und seine Füße taten ihm weh.

Aber er lief weiter.

Aber weil sein Rücken so krumm war, kam er nur langsam voran und fiel bald hinter seinen Zeitplan zurück. Als er eine weitere Woche gegangen war, kam ein Mann ihm entgegen, ein Fahrrad schiebend. „Es ist schon spät“ rief der, als Herr K. an ihm vorüberging „und mein Kette ist gerissen. Willst du mir wohl nicht helfen?“ fragte er. Herr K. schaute auf seine Uhr und sah, dass es tatsächlich spät war und er schon weit hinter seinem Zeitplan. Aber er blieb stehen und besah sich die Kette und schraubte ein wenig mit dem Kettennieter herum und sah dabei aber immer wieder auf seine Uhr. Er hatte ja nur drei Wochen Zeit für den Weg und um zurück zu sich selbst zu finden. Und nun hatte er schon viel Zeit verloren. Am Ende versicherte er dem Mann, dass er alles versucht hätte, der Bolzen aber einfach nicht mehr hineingehen wollte und meinte noch, es tue ihm wohl leid, aber dass er nun weiter müsste.

Und so ging er weiter.

Aber als er im Dorf ankam, war die Herberge schon voll bis obenhin und er musste wieder im Gras davor schlafen. Vom Bücken und Stützen und Tragen war sein Rücken nun so krumm, dass er kaum schlafen konnte. Und als er am nächsten Tag endlich loskam, waren alle schon weit vor ihm und er weit hinter seinem Zeitplan.

Aber Herr K. lief weiter.

Nur sah er nun ständig auf seine Uhr und lief so rasch er konnte. Was natürlich weder seinen Füßen noch seinem Rücken gut bekam. Zu allem Überdruss stellte er fest, dass er in Bezug auf das Zurück zu sich selbst noch keine Fortschritte gemacht hatte. Er war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, der alten Frau zu helfen und dem Mann mit dem Fahrrad. Und dann war er viel zu sehr damit beschäftigt, dass ihn sein Rücken schmerzte und seine Füße und zu guter Letzt war er viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, etwas sagen zu könne, wenn die braungebrannten Pilger mit den breiten Hüten diskutierten, ob das Meer in Australien nun blauer wäre als das in Kantabrien und der Kaffee in Astorga besser wäre als der in Estella bei der Herberge mit den blauen Fensterläden.

Es war kurz vor Ende der dritten Woche – und Herr K. nun sehr eilig unterwegs, hatte er in Santiago de Compostela doch einen Flug zu erwischen, weil drei Wochen nun einmal genug sein mussten, um zurück zu sich selbst zu finden und er ohnehin nicht mehr Jahresurlaub hatte, als ihm ein junger Mann am Wegrand begegnete. Der lief ohne Schuhe und war noch langsamer als Herr K. und schaute in die Luft. „Es ist schon spät“ rief er, als Herr K. an ihm vorüberging „und sonst niemand mehr auf dem Weg. Sag,“ meinte er „willst du nicht mit mir gehen zum Dorf?“ Herr K. besah sich den Mann. Aber der hatte weder recht wunde Füße noch war er alt, noch war ihm die Fahrradkette gerissen und Herr K. sah auf seine Uhr und sah, dass er weit, weit hinter seinem Zeitplan war und er musste aber doch noch die Pilgerurkunde in Santiago de Compostela abholen und seinen Flug erwischen und er beschied, dass er einfach keine Zeit hatte.

Also lief er weiter.

Er lief nun so schnell, trotz seines krummen Rückens und der schmerzenden Füße, dass er es tatsächlich nach Santiago de Compostela schaffte, seine Pilgerurkunde abholte und gleich darauf im Flieger nachhause saß.

Am darauffolgenden Montag fütterte er die Katze, ging in die Arbeit und trank abends ein Glas Rotwein. Er hatte nicht herausgefunden, ob das Meer in Australien blauer war als das Meer in Kantabrien und der Kaffee in Astorga besser war als der in Estella bei der Herberge mit den blauen Fensterläden.

Und irgendwie hatte er auch nicht zurück zu sich selbst gefunden.

Im darauffolgenden Sommer spürte er ein beunruhigendes Ziehen in der Herzgegend, als er sich am Morgen an seinem Schreibtisch im Büro setzte. Als der Notarzt kam, war Herr K. leider bereits tot.  Es war aber ganz und gar nicht schlimm. Er saß nur plötzlich eben nicht mehr an seinem Schreibtisch im Büro sondern in einem langen Flur mit Wartebänken, auf denen allerlei Leute saßen. Der Flur hatte viele Türen links und rechts und an seinem Ende waren zwei. Die eine war ein bisschen dunkler, die andere ein bisschen heller. Nach einer Zeit kam ein Mann Herr K. sah, dass es der junge Mann war, der ihm auf dem Weg begegnet war. „Es ist schon spät“ rief der ihm zu „Und wohin willst du?“ fragte er Herrn K. Da Herr K. nun genug von Farbsymboliken verstand, wies er natürlich auf die ein bisschen hellere Tür. „Aha“ meinte der junge Mann „Und warum?“. Herr K. überlegte und antwortete dann einiges aus seinem Leben. Aber immer, wenn er etwas sagen wollte, unterbrach ihn einer der Leute auf den Wartebänken und rief: „Und ich noch viel mehr!“ und egal was er sagte, andere hatten es noch mehr gesagt, oder besser, oder länger. Schließlich rief Herr K. ganz verzweifelt: „Aber der Pilgerweg!“ und das musste doch etwas bedeuten! „Aha“ sagte der junge Mann wieder und es öffnete sich eine der Türen im Flur und heraus kam die alte Frau und der junge Mann fragte Herrn K.: „Und?“ und Herr K. rief: „Ihr habe ich geholfen!“ und es öffnete sich eine andere Tür und heraus kam der Mann mit dem Fahrrad und der junge Mann fragte Herrn K.: „Und?“ und Herr K. rief wieder „Ihm habe ich geholfen!“ und der junge Mann nickte. Da hob er eine Hand und der Flur war auf einmal ganz und gar leer und nur noch die beiden Türen an seinem Ende waren dort und der junge Mann fragte „Und?“ und wies auf sich selbst.

„Aber ich hatte doch keine Zeit mehr“ sagte Herr K. und trat auf die Türen zu