Gleich vorab: Auf unbekannte, bedrohliche Situationen mit Angst und Unsicherheit zu reagieren, ist instinktiv in uns angelegt und deshalb natürlich nachvollziehbar. Dabei ist gar nicht so sehr ausschlaggebend, ob die Situation objektiv bedrohlich ist oder nicht. Heißt, ob die Eintrittswahrscheinlichkeit der vermuteten Katastrophe tatsächlich so gelagert ist, dass sie uns mit hoher Wahrscheinlichkeit in Gefahr bringt. Viel ausschlaggebender ist unser subjektives Empfinden. Denn das ist letztlich dasjenige, das beim Einzelnen handlungswirksam wird.

Fühle ich mich nicht bedroht – etwa, weil ich nicht zu der definierten Risikogruppe gehöre – dann handle ich entsprechend. Setze mich weiterhin in Cafés in die Sonne und überlasse das social distancing denjenigen, die es in meinen Augen „nötig haben“.

Fühle ich mich hingegen bedroht, wird mein so wahrgenommenes Empfinden dagegen unmittelbar handlungswirksam. Ich bleibe, wann immer möglich, zuhause und folge den Vorgaben und Empfehlungen der Gesundheitsministerien und der relevanten öffentlichen Stellen. Als Randnotiz: Hierbei ist es vollkommen irrelevant, aus welchem Motiv heraus ich diese Handlung unternehme. Vielleicht habe ich um mein eigenes Leben Angst und handle daher aus primär egoistischen Motiven (Egoismus ist hier nicht abwertend gemeint, sondern als valides philosophisches Prinzip). Oder ich habe Angst um das Leben der älteren und vorerkrankten Menschen in unserer Gesellschaft und möchte diese schützen – handle also aus eher altruistischen Motiven heraus. Egal, was mich dazu bringt – wichtig ist nur das Ergebnis, die Konsequenz meines Handelns: Nämlich, dass ich möglichst zuhause bleibe und die Kontakt- und damit Übertragungskette minimiere.

Die große Herausforderung ist momentan die Transferleistung.

Diejenigen, die sich nicht bedroht fühlen und auf Basis dieser subjektiven Wahrnehmung – aus oben genannten Gründen in subjektiver Hinsicht zunächst nachvollziehbarerweise – handeln, müssen die Transferleistung schaffen, dass ihre eigene, subjektive Wahrnehmung nicht der ausschlaggebende handlungswirksam werdende Faktor sein darf.

Die Schwierigkeit dabei ist, dass das Virus unsichtbar und die Bedrohungslage für viele (noch) abstrakt ist. Die subjektive Wahrnehmung ist für viele nicht mit der erlebten Realität in Deckung zu bringen. Die Sonne scheint, die ersten Blumen blühen. Es liegen keine Leichen auf den Straßen und wer will, der kann sich noch immer in Echokammern zwischen „An der Grippe sterben jedes Jahr mehr Menschen“ und „Ist ja nur für die Alten schlimm“ bewegen und im Café seinen Cappuccino in vielfacher Gesellschaft schlürfen.

Es braucht eine erhebliche Transferleistung in diesen Tagen.

Aber genau die braucht es jetzt. Damit eben keine Leichen herumliegen, wenn nicht auf der Straße, dann doch zumindest in überfüllten Krankenhäusern. Damit Ärzte nicht, wie in Italien aufgrund von Ressourcenknappheit wegen der lange Zeit ungehinderten exponentiellen Zunahme der Viruserkrankten, entscheiden müssen, welche Patientenleben präferiert zu behandeln sind und welche nicht. Das sind Entscheidungsszenarien, die ich aus der Forschung der philosophischen Gerechtigkeitstheorie kenne, die ich aber nicht in unserer Lebensrealität durchgespielt sehen will – wie wohl niemand von uns.

Es braucht eine erhebliche Transferleistung in diesen Tagen.

Denn alles steht und fällt mit der Frage: Warum soll ich meine Freiheit, mein Leben radikal einschränken wegen anderen Menschen, die ich nicht kenne, die mir nichts bedeuten? Warum soll ich meine Freiheit, mein Leben radikal einschränken, wo ich doch nicht persönlich betroffen bin?

Dies, übrigens, ist keine neue Frage.

Es ist die gleiche Frage, die wir uns im Klimawandel, in der globalen Ressourcenverteilung, in der Frage der Generationengerechtigkeit, stellen sollten.

Nur ist sie jetzt, durch COVID-19, in unser aller Wohnzimmer angekommen. Vielleicht finden wir jetzt eine Antwort darauf. Eine, die Corona überlebt und auch danach noch weiterwirkt. Eine, die den Begriff der globalen Solidargemeinschaft zu mehr als einer leeren Worthülse macht. Eine Antwort, mit der wir alle gut leben können und unserem Zusammen-Menschsein gerecht werden.