Bekanntermaßen beginnt ja kurz nach dem Sommer eigentlich schon die Vorweihnachtszeit. Kaum hat man den Bikini irgendwo in den Tiefen der Kommode verstaut, halten einem die Supermarktregale schon Lebkuchen, Zimtsterne und Domino-Steine unter die Nase. Spuren von Weihnachten gab es dann auch beim vierten und letzten Abenteuer im VGN Bahnsommer.

Aber von Anfang an.

Laubabenteuer und Sommer-Wehmut

Am 10. Oktober bei durchaus schon vorweihnachtlich frischen Temperaturen starteten wir in unser letztes VGN Bahnsommer-Mikroabenteuer in diesem Jahr. Diesmal wieder per Rad. „Industrie(rad)kultur Roth“ war das Thema. Und die Tour hielt, was sie versprach.

Per S-Bahn fuhren wir bequem von Nürnberg nach Roth, wurden hier von Jörg Ruckriegel vom Landkreis Roth in Empfang genommen – und radelten los. Hinein in das Ende des Sommers, das sich mit schweren Wolken, roten Nasen und wirbelnden Gold- und Kupferblättern unter den Reifen nun deutlich zeigte. Das könnte einen jetzt wehmütig machen, dem Sommer hinterherzutrauern.

Aber irgendwie hat es was, durch die kalte Landschaft zu radeln. Irgendwie lässt es sich freier atmen, leichter atmen als im drückenden Sommer mit Schweiß auf der Stirn. Der Herbst ist immer Umbruchszeit und riecht nach Veränderung, nach Wechsel, nach Alles-ist-im-Wandel. Nach nassem Laub, dem Versprechen von baldigem Frost und…und…Abenteuer. Abenteuer im Zwielicht nebliger Wälder und froststarrender Felder.

Schmiedefeuer & ein Reminder

So roch es, als wir in Allersberg losradelten. Und es roch, zumindest für meine Abenteurer-Nase, gut.

Die Industriekultur erwartete uns schon kurz darauf bei einer Museumsführung im Eisenhammer Eckersmühlen. Über fünf Generationen war der Eisenhammer im Besitz der Familie Schäff, einer Hammerschmiede-Dynastie. Johann Michael Schäff übernahm das Anwesen 1775 und brachte die Hammerschmiede über mehrere Generationen zu großem Wohlstand. Als die handwerklich arbeitende Schmiede mit der industriellen Massenproduktion der großen Fabriken aber nicht mehr mithalten konnte, war das das Ende der Dynastie. 1974 wurde der Betrieb eingestellt. Aber: Fritz Schäff setzte sich dafür ein, dass die Anlage betriebsbereit blieb und 1985 in ein Museum umgewandelt werden konnte.

Ein Kleinod regionaler Industriekultur, in der Schmiedekunst noch live erlebbar ist. Und auch wir staunten über die ausgeklügelte Mechanik der durch Wasserkraft und ein Netz von Transmissionsriemen betriebenen Hämmer. Ein längst untergegangenes Handwerk wird hier zum Leben erweckt. Und weigert sich so, endgültig in Vergessenheit zu geraten.

Ein Reminder für uns postmoderne Globalisten des immer-und-überall-zugänglichen Konsums, das eigentlich nichts Selbstverständlich ist. Und wieviel Arbeit zu anderer Zeit (oder, an anderen Orten, teils heute noch) in einem einzigen Hopfennagel steckt.

Burgruinen und Kopfsteinpflasterromantik

Durch mehr Herbst, über weite Felder und an Lichtungen entlang führt uns der Weg anschließend nach Hilpoltstein. Hier erwartete uns eine Führung im historischen Stadtkern, an der ehemaligen Burgmauer entlang über schief-rustikales Kopfsteinpflaster und vorbei an pittoresken Fassaden. Über uns ragt die Burgruine Hilpoltstein in den herbstlichen Himmel. Ab dem 11. Jahrhundert lässt sich die Burg in ihren Anfängen an dieser Stelle nachweisen. Im 13. und 14. Jahrhundert erlebte die Burg Hilpoltstein unter den Herren von Stein ihre Blütezeit. Die letzte Bewohnerin der Burg, Dorothea Maria, die Witwe des Pfalzgrafen Ottoheinrich II. von Neuburg-Sulzbach, verstarb 1639. Erst in den vergangenen Jahren wurde die Ruine archäologisch untersucht und saniert. 2013 wurde der mittelalterliche Zugang zur Burg wiedereröffnet. Historie auf kleinstem Raum – das ist Hilpoltstein.

Und: Feines Essen im Gasthof Zur Post. Das uns umso besser schmeckte, da es schön warm in unseren zu diesem Zeitpunkt doch ziemlich ausgefrorenen Bäuchen und Gliedern lag.

See-(Aus)blicke und Lametta-Geschichten

Die nächste Etappe führte uns dann schließlich an die Ufer des Rothsees. Nach einem kleinen Abstecher an die LBV Umweltstation Rothsee: Natur- und Umweltbildung, anschaulich und interaktiv erlebbar aufgearbeitet für Groß und Klein. Die Umweltstation ist ein Marker dafür, was es in der Region, so direkt vor unseren Nasen, alles an Flora, Fauna, Abenteuer und Naturschönheit zu erleben gibt.

Immer nach Norden pedalierten wir schließlich die letzte Etappe am Rothsee entlang. See-(Aus)blicke zum Natur-satt-werden. Und: Die Wolken waren hier weniger dicht, weniger düster, weniger fast-schon-winterlich. Golden schien uns der Herbst auf diesem letzten Stück unserer Tour nach Allersberg. Kupfergoldgelbrotbraunbunt das Laub um uns und zwischen den Bäumen der See. Ein letzter Blick auf den Sommer.

Denn: In der Gilardi-Ausstellung in Allersberg, unserem letzten Halt an diesem Tag, wurde das Thema Sommer dann endgültig abgehakt.

Lametta und sonstiger glitzerndglänzendkitschiger Weihnachtsschmuck wurde dort nämlich hergestellt. Angefangen hat alles mit leonischen Waren – also die verschiedenartigsten Produkte zu deren Herstellung man Drahtgeflechte aus feinstem Messingdraht brauchte. 1689 vom Mailänder Giacomo Gilardi gegründet war das Unternehmen bald eine der bedeutendsten leonischen Manufakturen und  handelte weltweit. Bis zur Insolvenz im Jahre 1892. 1894 übernahm die Familie Geiershoefer aus Nürnberg und sattelte auf Christbaumschmuck aus leonischen Drähten um. Während der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten wurden die Geiershoefers, die jüdischer Abstammung waren, zwangsenteignet. Ein Teil der Familie rettete sich ins Exil und kehrte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder zurück und brachte das Unternehmen noch ein letztes Mal zu großem Erfolg – bis 2006 die endgültige Schließung erfolgte. Und die Gemeinde das Gebäude kaufte. 2018 eröffnete die Ausstellung in den Räumen der ehemaligen Fabrik. Und erinnert zwischen Glitter und Lametta an die bewegte Geschichte des einst so bedeutenden Unternehmens.

Guten Winterschlaf!

Mit diesem Ausblick auf die herannahende Winter- und Weihnachtszeit beendeten wir unser viertes und letztes Mikroabenteuer im VGN Bahnsommer 2020. Wir waren Wildkräuter-Genuss und Wein-Kulinarik im Weinparadies Franken auf der Spur, haben (Ge)Nüsse und Burgenblicke im Landkreis Fürth entdecken und Burgenwinkel und Sonnenuntergänge in den Haßbergen erleben dürfen und wir haben nun, zu guter Letzt, den Sommer, den wir gemeinsam verlängert haben, zusammen verabschiedet.

Bis zum nächsten Mal, lieber VGN Bahnsommer, guten Winterschlaf!