#beSCHEUERt. Das Hashtag geht viral. Grund: Die Helm-Kampagne von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Darin: Viel nackte Haut, eine Kandidatin der scheinbar bis in alle Ewigkeiten in der Endlosstreife sich weiter vermarktenden TV-Show „Germany´s Next Topmodel“ als Wiedererkennungsmerkmal (mit quasi nichts an außer einem Helm) und der Slogan: „Looks like shit. But saves my life“.
Und man fragt sich: Wo soll man da anfangen? Bei dem ungeschminkten Sexismus, der inhaltlichen Themaverfehlung (Sichere Radwege statt Verlagerung der Problematik allein auf die Radfahrer!) oder dem ästhetischen Vorurteil (Wer sagt denn überhaupt, dass Helme scheiße aussehen)?
Wie der britische Expat in New Work und politischer Comedian-Meister John Oliver im Angesicht der Brexit-Ignoranz unlängst bemerkte: „There is a lot to unpack there. Absolutely none of which is worth unpacking“. Anders gesagt: Da steckt ein Haufen Mist drin, der aufgeschlüsselt werden müsste. Aber wer Mist aufschlüsselt, der stößt letztlich nur noch auf mehr Mist. Mist im Quadrat quasi.
Genau aus diesem Grund habe ich zumindest persönlich die Helm-Diskussion gemieden. Einfach aus dem Grund, weil sie so schmerzhaft offensichtlich platt ist, dass bereits eine Diskussion darüber ihr eine Wirkmacht zugestehen würde, die sie aufgrund mangelnder, nennen wir es mal, Reife, schlicht nicht hat. Das ist ein bisschen wie mit einem plärrenden Kind. Ab einem gewissen Punkt ist es einfach nicht ernstzunehmen. Und Scheuers Kampagne (zu) ausgiebig zu diskutieren würde genau das tun. Sie würde einen vielleicht gutgemeinten, aber per se niveaulosen und thematisch verfehlten Sinkflug ernstnehmen.
Warum ich nun aber doch Worte dazu verliere: Weil in der dort propagierten Darstellung Frau + Rad  ein auch in der Bikeszene immer noch allzuoft vorherrschendes Bild prävalent wird. Da hilft es wenig, dass einige Teile der Kampagne auch halbnackte Männer (mit Helm) in Szene setzen. Der Fokus liegt definitiv auf dem weiblichen Model, das mit Rehaugen in die Kamera starrt.
Jetzt ist es aber nicht so, dass die Repräsentation von Frauen bzw. „Weiblichkeit“ im Bike-Kontext mit Brüsten und Pos hausieren geht – mal abgesehen davon, dass es entsprechenden Content natürlich haufenweise im Netz, allen voran auf Instagram, gibt. Aber der Klassiker – das Bikini-Vollweib in Rückansicht auf dem Fahrradsattel ist wie Scheuers Kampagne: Zu platt und offensichtlich sexistisch, um letztlich überhaupt einer ernsthaften Auseinandersetzung wert zu sein. Da ist die Grenze zur expliziten Peinlichkeit quasi so weit überschritten, dass es selbst dem Blindesten ins Gesicht schlägt.
Ich persönlich denke, dass der Sexismus – trotz aller lobenswerten positiven Entwicklungen, die unbedingt erwähnt werden müssen! – weitaus subtiler geworden ist. Das beginnt bei Kampagnen namhafter Ausrüster oder Radhersteller, die unter dem Deckmantel (wenn man mir den verschwörerischen Begriff erlauben möchte ;) der weiblichen Selbstermächtigung eigentlich nur herkömmliche Geschlechtervorurteile fortschreiben. Das geht über die an sich produktive, aber oft zu reinen Marketingzwecken missbrauchten, Ladies Only-Kampagnen, die eben über ihre Exklusivität gewissermaßen eben jenes verfestigen, was sie doch eigentlich aufbrechen wollen – nämlich Geschlechtergrenzen. Und das zieht sich bis hinein in die Sprache: #girlsridetoo. Ein beliebter, auch von mir in der Vergangenheit benutzter, Hashtag, der einen positiven Fortschritt ausdrücken will, dabei aber durch seine reine Struktur eben das kognitive Fehldenken einfängt, dem wir oftmals unterliegen und der uns in scheinbar unauflösbare Widersprüche bringt.
Denn:  Warum das „too“? Haben die Jungs das Biken erfunden? Haben die ein Vorrecht darauf? Müssen wir Frauen uns den Platz in einer eigentlich männerspezifischen Domäne erkämpfen? In dem „too“ steckt eben die Prämisse, dass wir Frauen gewissermaßen die Nachzügler, die Okkupanden auf fremdem Gebiet, die einfallende Horde sind. In dem „too“ steckt letztlich die Anerkennung der Ab-Norm der Frau auf dem Bike. Und damit genau das Gegenteil von dem, was wir mit #girlsridetoo eigentlich sagen und erreichen wollen.
Das ist freilich weitaus subtiler als Scheuers nackte Lolita mit neonfarbenem Helm. Aber genau deshalb auch weitaus gefährlicher, weil es die Fassade, den Anschein der Selbstermächtigung der Frau annimmt – im Inneren aber Geschlechterrollen und –Stereotypen fortschreibt, die es zu sprengen lediglich vorgibt.
Darum: Warum sagen wir es nicht einfach, wie es ist? Wir brauchen kein „too“ als Zusatz. Wir sind kein „auch“. Wir sind wir.
#girlsride.
Und Punkt.