Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

Die Ansage des Croupiers beim Roulette, wenn das Rad im Spinning ist und kein Einsatz mehr möglich. Was das mit Biken zu tun hat? Nun, die meisten von uns waren wohl schon einmal an einem ganz ähnlichen dead end.

Da das Steinfeld. Der Drop. Der Wurzelteppich. Und nass auch noch.

Wenn der Kopf zu macht. Und dieses fiese, leise Stimmchen in uns wispert: Nö. Das schaffst du nicht. Manchmal schreit es auch. Oder aus dem anfänglichen Flüstern wird ein Schreien. Dann ist meistens alles zu spät. Dann heißt es Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Nur eben nicht auf dem Roulette-Rad, sondern auf dem Rad-Rad.

Auf der Suche nach dem Flow?

Man liest eine ganze Menge über den Flow im Bike-Wendekreis. Trailflow, Flowerlebnis, den-Flow-finden. Die Flow-Theorie, das ist wohl inzwischen den meisten bekannt, geht zurück auf den ungarischen Glücksforscher Mihály Csikszentmihalyi. Es beschreibt jenen seligen Zustand zwischen Unter- und Überforderung, in dem wir das Gefühl haben, ganz im Moment zu sein und zugleich entrückt von der Realität. In dem uns alles zu gelingen scheint. Das Phänomen ist schon seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt. Erstmals theoretisiert haben es die Spielwissenschaften und die Spieltheorie – allen voran Hans Scheuer. Csikszentmihalyis Verdienst war es, den Flow aus dem Korsett der Spieltheorie zu befreien. Er erkannte die Bedeutung des Phänomens über das Spiel hinaus.

Seitdem wartet der Flow quasi immer und überall, in allen Lebens- und Arbeitsbereichen potentiell auf uns. Eben auch beim Biken. Alles redet über den Flow.

Die Pole des Flow

Aber was ist eigentlich mit den anderen Polen? Der Unter- beziehungsweise der Überforderung?

Denn wenn wir ehrlich sind: Für viele von uns wird jener sagenumwobene Flow-Moment doch eher die Ausnahme als die Regel sein. Der Normalzustand ist doch eher der, naja eben der Normalzustand. Wir biken am Abend, wie wir im Verlauf des Tages vorher gelebt haben. Hat uns beispielsweise etwas in der Arbeit frustriert, überträgt sich diese Belastung oft auf die Feierabendrunde.  Waren wir den ganzen Tag über schon entspannt, sind wir das beim Biken am Nachmittag dann mit hoher Wahrscheinlichkeit auch. Und naja, die meiste Zeit hängen wir doch irgendwo in einem – wie der Franke sagen würde – „Bassd scho“-Zustand wabernd fest. Keine Katastrophen, keine extremen Höhenflüge. Alltag halt. (Irgendwie auch zum Glück).

Der Flow-Median mag also unser Idealziel sein. Der dauerhafte Normalzustand ist er aber üblicherweise nicht. Schauen wir uns also doch mal die Zustände an, mit denen wir es sehr viel öfter zu tun haben. Die Unterforderung ist jetzt nicht so das Problem. Die mag nervig sein da langweilig. Und in dieser Eigenschaft auch ein gewisses Unfallrisiko – durch Unkonzentriertheit oder Recklessness – beherbergen, auf jenes hin wir uns selbst immer wieder prüfen sollten.

R.I.P, me

Interessanter ist die Überförderung. Und damit sind wir wieder bei jenem Stimmchen. Und dem anfänglichen Roulette-Vergleich. Wahrscheinlich jeder von uns hatte ihn schon einmal – seinen ganz persönlichen Rien-ne-va-plus-Augenblick. Wenn der Wurzelteppich vor dem inneren Auge zum Spießrutenlauf aus Bärenfallen wird. Wenn auf dem Steinfeld vor einem in Gedanken plötzlich der eigene Grabstein aus dem Boden schießt – R.I.P, me.

Wenn die Überforderung aus der Möglichkeit des Scheiterns plötzlich ein Naturgesetz macht.

Eine unentrinnbare Sicherheit, die mit schlafwandlerischer Absolutheit eintreten wird.

Ist dieser Gedanke einmal gedacht, entwickelt er beeindruckende Wirkmächtigkeit. Unser Mund wird trocken, das Herz beginnt zu rasen. Die Hände am Lenker sind plötzlich feucht und zittrig. Kurz: Die Angst hat uns.

Jetzt gibt es die Überforderung natürlich in Dosen. Von einer leichten Verunsicherung bis hin zur Todesstarre einer Panikattacke ist das Spektrum entsprechend breit. Wir fallen nicht jedesmal tot um vor Angst, wenn wir auf ein Trailstück treffen, das uns in bestimmtem Maße überfordert. Zum Glück.

The Thin Red Line

Manches freilich fordert uns und unsere Fähigkeiten auch einfach nur. Und benötigt diesen kleinen Schubs, dieses wenige Sich-ein-Herz-nehmen. Einiges überfordert uns zu „Unrecht“. Hier wären unsere körperlichen Fähigkeiten zwar hinreichend – unsere Psyche erzählt uns aber was anderes. Und vieles überfordert uns zu „Recht“. Heißt, unsere Psyche rät uns ganz zu Recht, dass wir den Drop jetzt lieber lassen sollten, weil unsere Fähigkeiten wahrscheinlich nicht ausreichen, diesen sicher zu meistern. Die Kunst liegt darin, die feinen Unterschiede zwischen diesen Fällen zu (er)kennen und angepasst zu handeln. Also unsere Entscheidungen auf dem Bike entsprechend angemessen treffen zu können.

Dazu müssen wir aber zunächst einmal wissen, was denn da eigentlich passiert, wenn unser Kopf – und als Reaktion darauf unser Körper – Rien ne va plus, sagt. Wir müssen lernen, unsere eigenen Blockaden und Grenzen anzuerkennen. Erst dann kann es uns gelingen, diese zu überwinden. Das ist vielleicht der eigentliche Weg, sich jenem Flow-Zustand zu nähern. Indem wir die Pole Unter- und Überforderung, die diesen einrahmen, genau kennenlernen – wie einen guten Freund – und mit ihnen arbeiten können. Das bringt nicht nur unser eigenes Bike-(Selbst)Verständnis und unsere Fähigkeiten voran, sondern eröffnet auch gerade im Umgang mit anderen Bikern etwa in der Lehrtätigkeit ganz neue Möglichkeiten.

Es ist deshalb absolut begrüßenswert, dass die Deutsche Initiative Mountainbike e.V. dies erkannt hat und das Thema „Kopfsache“ in ihre Ausbildungsinhalte aufgenommen hat! Das Fortbildungsmodul hat im Herbst 2019 das erste Mal stattgefunden und wird hoffentlich in Zukunft weiterhin angeboten. Denn: Der Kopf fährt mit. Bei uns allen. Immer.