Vor etwas mehr als einem Monat stand ich mit meinem Fahrrad am Nordkap. Nachdem ich zuvor 30 Tage lang ohne einen einzigen Pausentag die 3.400 km von Nürnberg dorthin zurückgelegt hatte. Allein. Nur mit meinem Rad und Zelt.
25
Jetzt liege ich mit einem zertrümmerten Bein seit einer Woche im Krankenhaus. Ein Unfall mit dem Mountainbike im Schlepplift, nichts Dramatisches, nichts Leichtsinniges. Eine Banalität, die in meinem Bein nichtsdestoweniger einen Trümmerbruch verursachte und auch das Kniegelenk in Mitleidenschaft zog.
Kurz und knapp: Ein komplizierter Bruch. Ein langer Weg zur Genesung. In welche Richtung diese am Ende gehen wird, weiß niemand.
20180711_072234.jpg
Vor etwas mehr als einem Monat stand ich am Nordkap und hatte eine Rundumsicht dieses kargen, schneebedeckten Endes der Welt. Vor mir der Ozean. Dahinter nichts. Ich roch den Wind und die Wolken und den Schnee und all diese Freiheit dazwischen.
20180530_141501
Jetzt liege ich seit einer Woche in derselben Position im Krankenhausbett. Ein Fixateur, ein externes Metallgestänge, das an vier Stellen in Oberschenkelknochen und Schienbein verbohrt ist, hält meinen noch unbehandelten Bruch in Position. Ich kann nicht aufstehen geschweige denn gehen. Mein ganzes Leben spielt sich in ein und derselben Position ab. Neben mir meine Habseligkeiten auf die Größe eines Krankenhaustisches verteilt. Draußen vor dem Fenster brennt der Sommer und Vögel zwitschern. Manchmal hört man Kinder lachen.
15315529872772464060497874379123.jpg
Vor etwas mehr als einem Monat war ich am Horizont und der Horizont in mir und der Himmel war überall um mich.
Jetzt sehe ich einen kleinen Ausschnitt des Himmels durchs Krankenhausfenster, eine Erinnerung an den Horizont. Mehr nicht.
Der Himmel ist fern jetzt. Auch der Horizont. Und gerade der absurde Kontrast zwischen der absoluten Unabhängigkeit des allein Reisenden unter freiem Himmel und des bewegungsunfähigen Kranken in ein und demselben geschlossenem Raum, Tag für Tag, trifft schwer.
Ich weiß nicht, was sein wird. Aber ich sehe, dass dies eine weitere Reise ist. Die schwerste bislang. Schwerer selbst als der letzte Tag zum Nordkap mit 140 km Eis in der Luft und extremem Gegenwind und 29 Reisetagen in den Beinen. Hier geht es nicht mehr um das Erreichen ehrgeiziger sportlicher Höchstleistungen oder das Gehen an die eigenen Leistungsgrenzen.
Hier geht es darum, am Rande der Nacht nicht in die Dunkelheit zu fallen.
Nicht aufzugeben, nicht den dunklen Gedanken oder zweifelnden Stimmen Gehör zu schenken. In der Bewegungsunfähigkeit und im Schmerz und dem Unwissen, was sein wird liegt ein letztes, ein größtes Rückfallen auf das Selbst.
Hier geht es darum, am Rande der Nacht das Licht nicht aus den Augen zu verlieren.