Ganze sechs Jahre ist es jetzt schon her, seit die kanadische Bike & Film-Combo IFHT Films den Clip »How To Be A Mountain Biker« auf youtube gestellt hat – und bis heute stattliche vier Millionen plus Klicks verzeichnen konnte.

Darin – mit ganz viel Augenzwinkern: Die Anleitung für alle Joeys, aka MTB-Nixwisser und –Könner, wie man ein »echter« Mountainbiker wird. Neben dem passenden Rad und der entsprechenden Kleidung (bitte unbedingt an die MTB-Sparte anpassen und nicht in CC-Presswurstklamotten auf dem Downhiller im Park auftauchen!) zeichnet sich der »wahre« Mountainbiker natürlich auch durch ein ganz spezielles Vokabular aus, das es sich unbedingt anzueignen gilt, wenn man auf dem Trail ernstgenommen werden will. Das ist ein bisschen so wie der Hipster-Whiskey-Neusprech, den man sich im Wendekreis des »Torfigen« anzueignen hat, will man sich in den entsprechenden Kreisen bewegen, ohne auf gerümpfte Nasen zu stoßen. Oder der Surfer-Slang zwischen »Bro«s und »Dude«s und einem Haufen salzwassergegerbter Blondlocken.

Klar, das eine wie das andere mere stereotypes. Alles nur Klischee. Umso erstaunlicher, dass diese aber durchaus gelebt werden. Und das Vokabular, das »der« Mountainbiker zu beherrschen wissen muss besteht, zumindest wenn man mal den Jungs von IFHT Films glauben will – die in Whistler »shredden« und es also irgendwie wissen müssen – aus Perlen wie »stoked«, »rad«, »gnarly«, »shred« oder »scrub«. Oder »brap«. Das ist ein ganz besonderer linguistischer Leckerbissen. Denn: Je nachdem, auf welchem individuellen Coolness-Level du angekommen ist, kannst du Vokale addieren. Braaaap. Schon ziemlich cool. Je cooler du bist, desto mehr Vokale packst du drauf. Braaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaap. Das entspricht ungefähr der Tonalität eines in der Kurve blockierenden Hinterreifens, der diese vermeintlich unglaublich lässige Staubwolke aufs Instagram-Bild zaubert. Braaaaaaaaaaap.

Wir gehen nicht einfach radeln auf unbefestigten Wegen. Wir shredden gnarly Trails. Nun hinkt das Deutsche in diesem Feuerwerk der stoked gnarliness etwas hinterher. Bei Übersetzungen geht ja auch irgendwie der Spirit verloren. Oder so.

Ein paar Vokabeln gibt es dann doch: »Ballern« geht zum Beispiel ganz gut. Manche fahren auch »mit Hass«. Hilft wohl irgendwie irgendwas zu tun.

Jetzt sind Worte vor allem ja aber mal eins: Bloße Worte. Heiße Luft gewissermaßen. Respiration ist ja nicht viel anderes als ein Gaswechsel. Weh tut das noch niemanden (obwohl sich darüber, zumindest in rechtlichen Kontexten wie der Hate Speech, sicherlich trefflich streiten ließe). Und: Wie bei anderen Sportarten, dem Surfen (oder dem Whiskey-Trinken 😉 etwa, gehört eine inkludierende bzw. im Umkehrschluss natürlich dadurch auch exkludierende, heißt: abgrenzende, Sprache irgendwie dazu.

Aber: Das Wort ist manchmal auch die Mutter des Gedankens und der Gedanke der Samen der Tat. Oder so. Heißt: Nach Sprachtheorien wie etwa der von Lakoff und Johnson (»Metaphors We Live By«) beeinflussen die Worte, die wir für etwas haben, die Realität, in der wir leben. Ganz beeindruckend hat das Susan Sontag in ihrem Buch »Illnes as Metaphor« untersucht. Paradigmatisches Beispiel: Krebs. Wir sprechen von »bösartigen« und »gutartigen« Tumoren, von »wuchernden« Krebszellen. Und dem Tod, dem wir schließlich »erliegen«. In unserer direkten sprachlichen Bezeichnung von Dingen liegt eine ganze Menge Bewertung. Das hat eine unmittelbare Wirkung auf unser Verständnis, unser Verhalten, unser Denken. Wer dem Krebs »erliegt«, der ist nicht einfach nur gestorben. Der ist zugleich »Verlierer«, »Opfer«. Die Krankheit »Triumphator«, »Sieger«. Das sind alles stark militaristisch angehauchte Sprachbilder, die unser Bild von Krankheit und – viel schlimmer, so Sontags These – unsere Einstellung gegenüber den Erkrankten prägen.

Klar, der Vergleich hinkt natürlich erstmal gewaltig. Wer den Trail hinab »ballert«, der hat deswegen jetzt natürlich nicht gleich irgendwelche verkappten Aggressionstendenzen. Wer »shreddet« (hobeln, zerfetzen, zerreißen), der wütet nicht notgedrungenermaßen Schneisen in die Natur. Aber es ist zumindest interessant, dass sich auch hier ein bestimmtes Vokabular verdichtet, das tendenziös latent haudrauferisch ist.

Vielleicht ist das einfach dem notwendigen Abgrenzungsmoment geschuldet, das eine Randsportart (aber ist es dann noch, das Mountainbiken?) gleich einer Randgruppe, für sich beansprucht. Das Merkmal des Mountainbike-Sprechs würde dann eben darin begründet liegen, dass es – ähnlich wie Jugend-Slang – über seine Devianz von der Radl-Norm die Revalidierung seiner Individualität zieht. Wir müssen shredden statt radeln, weil wir anders sind. Weil wir cool sind. Weil wir nicht so sind, wie die anderen. Aber was heißt das eigentlich? Und wohin wollen wir damit hin? Und: Geht es nicht auch anders?

Posted by:Nora Beyer

journalist / autor / bikeguide

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