Grau in grau, Nieselregen auf Beton und der Wind beißt. Die meisten Bikeparks haben das Season Ending eingeläutet, die Tore sind geschlossen, die Lifte stehen still oder bereiten sich auf die Welle der Wintersportler vor. Der frühe Sonnenuntergang bringt die Vollzeit arbeitenden Biker zeitlich arg in Bedrängnis. Überall im Land werden die Enduros, Downhiller, Cross-Country-Bikes winterfest gemacht. Was oft bedeutet – Winterschlaf im Keller. Die Bikesaison ist zu Ende.

Oder?

Mitnichten. Klar, wir können den Winter nutzen und endlich wieder unser Fitnessclub-Abo reaktivieren und fleißig Spinning betreiben, Twerking lernen, Zumba oder was sonst so auf dem Clubprogramm steht.

Oder wir nutzen das Schlammmatschwetter, um den Wald endlich einmal so richtig für uns zu haben. Sicher, bei heiterem Sonnenschein und angenehmen 25 Grad fährt es sich geschmeidiger. Aber wer einmal bei Schmuddelwetter durch Matschlöcher geschlittert ist und den Atem beim Uphill vor sich hat gleißend quasi-gefrieren sehen, der weiß, dass der Winter nicht das Ende der Saison darstellt, sondern lediglich deren herausfordernde Erweiterung. Und vielleicht ist die kalte Jahreszeit sogar die bessere Saison. Wo sonst lernt man das Handling seines Bikes unnachgiebiger und nachhaltiger als auf morastigen Wurzelfeldern und glatten Eispassagen? Wo sonst bringt man seine Abwehrkräfte auf Vordermann, wenn nicht im nasskalten Zwielicht eines herausfordernden Winters?

Und das Beste: Wir haben den Wald ganz für uns alleine. Denn welcher Bekloppte geht schon bei so einem Wetter vor die Tür? Nun – wir. Zumindest sollten wir das. Das Land hat einen ganz eigenen Zauber in der vermeintlichen Düsternis der kalten Tage. Es erinnert an Robert Frosts (welch passender Name zur beschriebenen Witterung)  Gedicht aus dem frühen 20. Jahrhundert:

Whose woods these are I think I know.

His house is in the village though;

He will not see me stopping here

To watch his woods fill up with snow.

 

My little horse must think it queer

To stop without a farmhouse near

Between the woods and frozen lake

The darkest evening of the year.

 

He gives his harness bells a shake

To ask if there is some mistake.

The only other sound´s the sweep

Of easy wind and downy flake.

 

The woods are lovely, dark and deep,

But I have promises to keep,

And miles to go before I sleep,

And miles to go before I sleep.

Ersetzen wir flugs das kleine Pferdchen mit unserem Drahtesel und schon haben wir eine stimmungsvolle Beschreibung einer winterlichen Ausfahrt. Und wenn dann Matsch, Regen und Schlamm langsam aber sicher in weiße Flocken übergehen, trägt der Wald eine Stimmung in sich, die der vogelzwitschernden Sommerfülle zwar konträr entgegensteht – aber genau deswegen ihre ganz eigene Faszination hat.

Bleiben wir im Schneetreiben einmal stehen, oben am Beginn des Trails, und lauschen wir. Manchmal, wenn es still genug ist – was es in der Raserei unseres Alltags ansonsten eigentlich nie ist – kann man den Schnee hören. Wie er fällt, leise und sanft und sich beinahe unmerklich auf den frostklimmenden Boden legt und auf die kahlen Äste um uns. Wer den Schnee fallen hört, kann sich glücklich schätzen – er hat irgendetwas richtig gemacht. Und wer den Trail dann bergab durch das weiße Wunderland radelt, der entwickelt wie Fräulein Smila bald das Gespür für Schnee. Wie er sich in seinen verschiedenen Festigkeitsstufen unter dem Rad verhält, wie er nochmal ein ganz anderes vorausschauendes Fahren abverlangt – und manchmal sogar einen leap of faith, weil die weiße Decke den Trailverlauf stellenweise verschluckt, stellenweise verzerrt.

Das Ende der einen Saison ist also nur der Anfang einer anderen, die ihren ganz eigenen Reiz hat. Den Reiz des Stillen, den Reiz der Einsamkeit, den Reiz der Herausforderung – an Mensch wie Material.

Holen wir das Bike also wieder aus dem Keller, beenden wir den Winterschlaf. Feiern wir den Matsch, den Schlamm und den Schmodder. Entwickeln wir das Gespür für Schnee und hören wir den Flocken beim Fallen zu. Und flüstern wir, wenn der Atem vor uns in kleinen Wölkchen in das Halbdunkel einer langen Winternacht aufsteigt:

The woods are lovely, dark and deep!

Posted by:Nora Beyer

gamejournalist_autor_bikeguide

4 replies on “Des Bikers Gespür für Schnee

  1. Nora, Du sprichst mir aus der Seele! Ich bin seit über 20 Jahren begeisterter Wintermountainbiker. Egal ob mit Spikes oder seit ein paar Jahren mit dem Fatbike hat der Winter seinen ganz besonderen Reiz. Die Horizont ist weiter, die Blicke schweifen durch verschneite Wälder. Alles funkelt und glitzert, Tierspuren im Schnee und diese atemberaubende Stille.
    Ich liebe es morgens auf das Mountainbike zu steigen und nach wenigen Sekunden im Schnee auf Betriebstemperatur zu sein, während der arme Autofahrer kratzen muss, ins eiskalte Auto steigt und friert während er im Stau steht.
    Oft halte ich an, um die Stimmungen mit dem Fotoapparat einzufangen, das fantastische Licht zu genießen oder einfach den Blick schweifen zu lassen…

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    1. “Alles funkelt und glitzert” – du sagst es! Ich liebe es auch, diese ganz einzigartige Stimmung einzusaugen. Und mit ein bißchen Glück werde ich diesen Bikewinter sogar auf dem Bike erleben dürfen!

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    1. Hallo Michael,
      das freut mich sehr, vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Dann wünsche ich dir schon einmal einen fabelhaften Bikewinter mit hoffentlich viel Schnee und vielen wunderbaren Eindrücken, die zu glücklichen Erinnerungen werden!

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