Fast vier Wochen lang in der immergleichen Rückenlage auf dem bleichgrauen Krankenhausbett liegend.

Das rechte Bein nach drei Operationen ein Trümmerfeld aus Blutergüssen, Schwellungen, kreischenden überdehnten Bändern und pochenden Knochen, die ihren Weg zueinander erst wieder finden müssen.

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Drei Wochen lang der Blick an dieselbe Decke,  dasselbe Fragment Himmel vor dem Fenster.

Die Nächte gehören dem Schmerz und sind endlos. Die Tage ziehen im immergleichen Takt der Krankenhausroutine vorüber. 8.30 Uhr Frühstück und Pillen. Visite. Waschen im Bett. Fieber messen, Blutdruck. Wunderbar. Liegen liegen liegen. 12.30 Uhr Mittagessen und Pillen. Liegen liegen liegen. Nachmittags Thrombosespritze, Fieber messen, Blutdruck. Wunderbar. 17.00 Uhr Abendessen und Pillen. Ab dann tut sie spätestens weh, die schleichende Zeit. 23.00 Uhr mehr Pillen.

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Die immergleichen Fragen, Tag für Tag. Plötzlich ist man Zeitreisender, in einer Endlosschleife feststeckend, rotierend bis zum Ende aller Tage. Und alles tut weh.

Dann die Nacht. Draußen in einem anderen Krankenhausflügel schreit einer, Nacht für Nacht. “Hilfe” schreit er und “Nein” und ist wohl ganz gefangen in seiner eigenen Dunkelheit. Manchmal bellt ein Hund. Die Notfrufsirene der Schwestern hallt in regelmäßigen Abständen durch den Flur. Aber das alles ist es nicht, was mich vom Schlaf fernhält.

Es ist das Reißen und Schieben in meinem Bein, das Pulsieren der Schwellung, der Druck im wunden Fleisch. Aber noch viel mehr als das sind es die Schatten am Rande meines Bewusstseins. Sie lauern und knirschen mit den Zähnen und auf ihrer bleichen Stirn stehen ihre Namen und die sind ANGST, SELBSTMITLEID, VERZWEIFLUNG, TRAUER. Sie sind hässlich und bohren kleine Löcher in die Stärke, die ich zu haben mir einbildete und zersetzen diese. Zerfleddern meinen Mut. Spucken auf meine Zuversicht.

Aber dann änderte sich etwas.

Ich glaube, es war der Tag, an dem ich das erste Mal stand. Aufrecht. Freilich an einer Gehhilfe lehnend, zitternd und bleich vor Schmerz und Übelkeit und es waren gerade mal ein paar Sekunden bis maximal eine Minute, in der ich stand, bevor mich der Arzt aus Angst vor einer Ohnmacht wieder zurück ins Bett legte. Aber ich stand.

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Oder vielleicht war es auch der Tag, an dem die Physiotherapeutin, die mich gar nicht behandelt, die aber meine Krankengeschichte verfolgt hatte, sich zu mir ans Bett setzte und zu erzählen begann. Von ihrem eigenen schweren Unfall mit Trümmerbruch vor Jahrzehnten, als sie hochschwanger war und behandelt werden musste – ohne Schmerzmittel aus Rücksicht auf das ungeborene Kind. Wie sie mir erzählte, dass auch das ginge. Dass jeder Albtraum ein Ende hat, wenn wir es so beschließen. Dass wir den Schmerz wegatmen können. Dass wir uns nicht beugen müssen. Dass unser Geist mächtiger ist als wir denken und unser Körper weit weniger fragil, als wir fürchten.

Oder vielleicht war es der Tag, an dem mir ein beinahe Fremder, ein flüchtiger Bekannter, der durch Zufall gerade auf einer langen VW-Bustour durch Skandinavien bis ans Nordkap und wieder zurück war und gewissermaßen meine Reise mit dem Rad von Nürnberg zum Nordkap nachvollzog, ein Bild abfotografierte, das er für mich gemalt hatte. Er hatte gerade den Nordkap-Tunnel durchquert und musste an mich denken. Meine Fahrt mit dem Rad durch den 7 km langen Tunnel, der über 200 m unterhalb der Wasseroberfläche liegt, schlecht beleuchtet und belüftet ist empfand ich extrem beängstigend und klaustrophobisch, was ich hier schilderte. Dieser Bekannte schlug nun kurzerhand den Bogen zwischen meinen beiden Reisen: Diese große, beschwerliche Reise jetzt sei ganz ähnlich wie meine Fahrt durch den Nordkap-Tunnel. Aber, so schließt die Zeichnung, das Gute an jedem Tunnel ist das Licht an dessen Ende.

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Vielleicht war es auch der Tag, an dem ich das Zimmer zum ersten Mal verließ. Auf einen Gehwagen gestützt lief ich los. Lief wirklich, was ich mir noch wenige Tage zuvor in meinen kühnsten Träumen  nicht ausgemalt hätte.

Dann stand ich draußen im Flur. Und lief weiter. Jede und jeder der Pfleger, die ich auf dem Weg traf, lächelte, grüßte, den Daumen nach oben. Alle hatten die letzten Wochen erlebt. Sie wussten, dass ich das Bein fast verloren hätte. Sie wussten von der Schwere des Bruches. Unterschenkel und Kniegelenk. 50 Trümmer, fein säuberlich zerstört. Sie haben die Schmerzen, die Tränen, die Schreie gehört. Sie waren dabei gewesen. Weil es ihr Job ist. Aber jetzt schien sich das ganze Krankenhaus zu freuen. Es geht bergauf, hörte ich von allen Seiten. Und ich lief immer weiter und weinte und lachte zugleich.

Oder vielleicht war es der Tag, an dem mich ein Freund kurzentschlossen in einen Rollstuhl setzte und raus schob. Draußen vor die Tür. Nur für einen Moment. Raus vor den Eingang, auf den Parkplatz. Wo man den Horizont sieht. Wo der Wind sachte weht. Wo ich weinen musste, weil auf einmal so viel Welt um mich war.

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Vielleicht war es die erste Nacht, in der die Dunkelheit einfach nur die Dunkelheit blieb. Die Schatten lauern weiterhin, sie kratzen den Schorf auf meinen Ängsten auf und flüstern boshafte Fragen in meinen Geist.

Und der Schmerz bleibt, begleitet mich wie ein guter Freund, der mich daran erinnert, dass mein Bein ganz und gar kaputt ist. Und zugleich ganz und gar lebendig. Jeder Grad Biegung meines Kniegelenks, um den ich kämpfe, schmerzt.

Jeder Grad Biegung ist ein Triumph.

Ein Jetzt Erst Recht.

Ein Trotzdem.

Dieses Trotzdem baut auf dem Willen auf, der an Kilometer 19 vor dem Nordkap, nach knapp 3.400 km und 30 Tagen radfahren ohne Pausentag davor, beinahe aufgegeben hatte. Der dann aber wieder aufstieg und weiterfuhr. Es ist derselbe Wille, den es nun braucht, um wieder aufzustehen. Und weiterzulaufen.

Dieses Trotzdem baut aber auf noch viel mehr. Auf der Psychotherapeutin, die einfach zu erzählen begann. Auf die Pflegekräfte, die mir den erhobenen Daumen entgegengestrecken, Tag für Tag. Auf dem Chefarzt Dr. Groß, der nicht nur eine chirurgische Meisterleistung vollbracht hat, sondern mir den Glauben gibt, dass ich diese Reise schaffen kann und mir das Vertrauen vermittelt, dass ich auf die Ängste am Rande der Nacht nicht hören brauche. Auf den beinahe Fremden und seine Nordkap-Tunnel-Parabel. Auf jeden einzelnen Unbekannten der mir hier oder auf Facebook oder instagram ode über sonstige digitale Kanäle Mut und Zuversicht zuspricht oder auch seine eigene Geschichte erzählt. Auf die Freunde und die Familie, die lieben und nicht aufhören damit, egal wie verquollen verheult oder verzweifelt ich war und noch immer manchmal bin.

Und mit jedem Tag wächst diese Trotzdem. Eines Tages wird es Beine bekommen. Und mich davontragen. Zurück zum Horizont.

 

Posted by:Nora Beyer

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