Vor etwas mehr als einem Monat stand ich mit meinem Fahrrad am Nordkap. Nachdem ich zuvor 30 Tage lang ohne einen einzigen Pausentag die 3.400 km von Nürnberg dorthin zurückgelegt hatte. Allein. Nur mit meinem Rad und Zelt.

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Jetzt liege ich mit einem zertrümmerten Bein seit einer Woche im Krankenhaus. Ein Unfall mit dem Mountainbike im Schlepplift, nichts Dramatisches, nichts Leichtsinniges. Eine Banalität, die in meinem Bein nichtsdestoweniger einen Trümmerbruch verursachte und auch das Kniegelenk in Mitleidenschaft zog.
Kurz und knapp: Ein komplizierter Bruch. Ein langer Weg zur Genesung. In welche Richtung diese am Ende gehen wird, weiß niemand.

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Vor etwas mehr als einem Monat stand ich am Nordkap und hatte eine Rundumsicht dieses kargen, schneebedeckten Endes der Welt. Vor mir der Ozean. Dahinter nichts. Ich roch den Wind und die Wolken und den Schnee und all diese Freiheit dazwischen.

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Jetzt liege ich seit einer Woche in derselben Position im Krankenhausbett. Ein Fixateur, ein externes Metallgestänge, das an vier Stellen in Oberschenkelknochen und Schienbein verbohrt ist, hält meinen noch unbehandelten Bruch in Position. Ich kann nicht aufstehen geschweige denn gehen. Mein ganzes Leben spielt sich in ein und derselben Position ab. Neben mir meine Habseligkeiten auf die Größe eines Krankenhaustisches verteilt. Draußen vor dem Fenster brennt der Sommer und Vögel zwitschern. Manchmal hört man Kinder lachen.

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Vor etwas mehr als einem Monat war ich am Horizont und der Horizont in mir und der Himmel war überall um mich.

Jetzt sehe ich einen kleinen Ausschnitt des Himmels durchs Krankenhausfenster, eine Erinnerung an den Horizont. Mehr nicht.

Der Himmel ist fern jetzt. Auch der Horizont. Und gerade der absurde Kontrast zwischen der absoluten Unabhängigkeit des allein Reisenden unter freiem Himmel und des bewegungsunfähigen Kranken in ein und demselben geschlossenem Raum, Tag für Tag, trifft schwer.

Ich weiß nicht, was sein wird. Aber ich sehe, dass dies eine weitere Reise ist. Die schwerste bislang. Schwerer selbst als der letzte Tag zum Nordkap mit 140 km Eis in der Luft und extremem Gegenwind und 29 Reisetagen in den Beinen. Hier geht es nicht mehr um das Erreichen ehrgeiziger sportlicher Höchstleistungen oder das Gehen an die eigenen Leistungsgrenzen.

Hier geht es darum, am Rande der Nacht nicht in die Dunkelheit zu fallen.

Nicht aufzugeben, nicht den dunklen Gedanken oder zweifelnden Stimmen Gehör zu schenken. In der Bewegungsunfähigkeit und im Schmerz und dem Unwissen, was sein wird liegt ein letztes, ein größtes Rückfallen auf das Selbst.

Hier geht es darum, am Rande der Nacht das Licht nicht aus den Augen zu verlieren.

Posted by:Nora Beyer

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15 replies on “Am Rande der Nacht – Schwerer Unfall nach dem Nordkap

  1. Liebe Nora
    Du bist stark!
    Du schaffst auch diese Herausforderung!
    Wenn du mich brauchst- ich bin da!
    Jederzeit!
    Lass dich drücken ♥️

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  2. Liebe Nora,
    Die Zeit wird schneller rum gehen als du denkst und alles wird wieder gut verheilen!
    Louis möchte dich unbedingte bald kennenlernen und deine Geschichte übern Nordkap hören, er liebt es wenn man ihm was erzählt:)
    Bis bald und gute Erholung
    Liebe grüße
    Louis, Marcel und Vreni

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    1. Danke, mein Schatz! Ich möchte Louis auch ganz bald knnenlernen und werde hoffentlich gamz bald zu euch humpeln können und werde ihm alle Geschichten erzählen, die mir einfallen! Ich denke an euch!

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  3. Liebe Nora, wir kennen uns nicht persönlich, ich bin die Mutter von Gabi, sie hat mir von deiner Tour zum Nordkap erzählt und ich habe sie auf instagram verfolgt. Ich war sehr beeindruckt von deiner Leistung, aber noch viel mehr bin ich beeindruckt von deiner inneren Klarheit aber auch Stärke, die in deinem so berührenden Artikel durchscheint. Man kann kaum verstehen, warum nach so einer außerordentlichen gelungenen Tour so ein schwerer Unfall bei einer banalen Tätigkeit passiert. Ob das irgenwann mal zu der Erkenntnis führt: Das war für etwas gut? Man kann es kaum glauben! Aber die Bilder, die du seit der Tour in dir trägst, werden dir helfen, die dunklen Zeiten zu überstehen! Neben Beistand durch Familie und Freunde, natürlich! Ich wünsche dir alles, was du brauchst, um bald wieder “auf die Beine” (beide!) zu kommen!
    Gerlinde

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    1. Liebe Gerlinde,
      Ich freue mich unglaublich, dass du mir schreibst! Gabi ist mein Lieblingsmensch und das mscht dich quasi zu meiner Lieblingsmenschenmama:). Ich danke dir für deine lieben Worte! Ich hoffe sehr, dass es bald bergauf geht und werde alles versuchen, wieder auf die Beine zu kommen und nicht den Kopf in den Sand zu stecken! Danke dir von ganzem Herzen! Deine Nora

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  4. Liebste Soulsis!

    Nichts, was Du vor diesem Artikel hier geschrieben hast, hat mich so betroffen gemacht.
    Betroffen bin ich viel mehr davon, wie Du das auf den Punkt bringst, die furchtbar traurige Nachricht selbst war mir ja leider nicht mehr neu.
    Nach Deinem Artikel hier sind dazu nur noch Banalitäten zu sagen mnöglich; dies mögen wir beide aber nicht.

    Eines vielelicht trotzdem: Von tiefem Herzen, mit all meiner Energie und, ja, auch mit heisser Liebe wünsche ich Dir, dass Du Dich so schnell und folgenlos wie möglich erholst.

    Fritzz

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  5. Hey Nora,

    habe gesehen, dass Du im Krankenhaus bist. Ich weiss genau, was Du meinst, wenn Du vom Horizont sprichst… Der Kontrast ist verrückt. Ich finde auch: die Reisen, die man in sich selbst unternimmt, sind die härtesten. Du bist stark. Ich wünsche Dir alles Gute für die Zukunft.

    Liebe Grüße
    Florider

    PS: Meine Eltern haben lustigerweise ohne es zu wissen Dein Buch für mich gekauft. Danke fürs Signieren.

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    1. Danke dir! Sagst du mir grad deinen richtigen Namen? Ich fütchte, ich stehe wegen der ganzen Drogen grad auf dem Schlauch. Danke für deine Worte. Ja, the hardest battles are fought within, daran musste ich jetzt auch viel denken. Ich kämpfe. Liebe Grüße auch an deine Eltern und lass mich gern wissen, wie du das Buch findest!!

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  6. Hallo Nora,

    habe gestern Deinen schönen Artikel im aktuellen DAV-Heftchen gelesen und jetzt eben über diesen Artikel hier gestolpert…

    Auch von meiner Seite viel Kraft und vor allem Geduld sowie gute, schnelle und problemlose Genesung auch von meiner Seite! 🙂

    Und nein, wir kennen uns nicht persönlich. Evtl. mal am Buck über den Weg gefahren.

    Und vielleicht kann ich ein wenig mit Dir mitfühlen. Vielleicht auch deshalb der Kommentar. War bis vor einem Jahr auch viel mit dem Rad unterwegs (und manche der kommentierenden hier kennen mich) bis ich eine Reaktivierung vom lieben Epstein – Barr – Virus hatte. Und das heißt für mich über Monate hinweg und mit vielen Infekten gepflastert wieder aufbauen und die Zeit am Anfang in brutaler Erschöpfung v.a im Bett und auf dem Sofa verbringen und hoffen. Vielleicht überschaubarer als bei Dir, aber es hat gut 5-6 Monate bis ich wieder ganz leicht mit radeln anfangen konnte. Es ging bergauf bis zum nächsten größeren Infekt, dann wieder bergab, wieder bergauf und grob rund um Pfingsten die nächste Reaktivierung und die erste Zeit zu erschöpft für lesen, Musik hören etc. Nach fast zwei Monaten schaffe ich es langsam wieder so halbwegs durch den Tag und nicht zu große Spaziergänge gehen schon wieder wenn ich mir danach ne ordentliche Ruhepause gönne. Sport und Rad fahren oder überhaupt wieder normal belastbar sein? Ich hoffe es. Vielleicht Ende des Jahres? Vielleicht länger? Vielleicht kürzer…? Wird auf jeden Fall dauern und ich rechne in Monaten.
    Das Gute daran: Am Anfang ist es verdammt hart nicht aktiv sein zu können. Wenn man aber schafft sich in Geduld zu üben und v.a. auch zu lernen den aktuellen Zustand so wie er gerade ist für sich selbst zu akzeptieren und anzunehmen, dann ist das schon einmal eine große Hilfe. Und ja, ich weiß das ist alles andere als einfach. Aber wenn es klappt hilft es. Mehr als man vielleicht denken mag.

    In diesem Sinne alles Gute und Kopf hoch – es wird werden! 🙂

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    1. Ich danke dir! Für deine Worte, die mir sehr helfen. Für deinen lieben Zuspruch, obwohl du mich nicht kennst. Dein Weg hört sich nicht weniger steinig an und ich wünsche dir, dass du zu deinem Wunschzustand zurückfindest!! Alles Liebe und Gute!!

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    2. Ich danke dir von ganzem Herzen für deine lieben Worte und dass du deine Geschichte mit mir geteilt hast! Ich wünsche dir, dass du auch wieder vollständig genesen wirst, dass du die Geduld und Kraft dafür hast, weiter nach vorne zu schauen! Ich denke an dich!

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  7. Hi Nora,

    vor kurzem noch gemeinsam in der Buck…

    Ich denke, es ist unheimlich schwer mitzufühlen, was für einen Kampf Du gerade austrägst.
    Gib nicht auf, auch wenn manchmal das Graue überwiegt. Halte Dich an den Momenten fest, welche
    Dir immer und immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben, schon Peter Pan hat gewusst, dass
    man durch schöne Gedanken fliegen kann.
    Zweifel nicht an Deinem Körper, er ist stark und bringt das wieder in Ordnung.
    Man darf fallen im Leben, es ist nur wichtig wieder aufzustehen…stärker als zuvor. Und Du hast Menschen um Dich, welche Dir immer helfen werden aufzustehen.
    Auf Deinem Weg alles Gute und schnelle Genesung.

    Bis bald in der Buck.

    Tini und Marc

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    1. Liebe Tini, lieber Marc,
      Ich danke euch von Herzen! Es fällt mir unheimlich schwer, hier zu liegen ohne mich bewegen zu können. Aber ich werde an eure Worte denken und an Peter Pan und es werden auch wieder andere Zeiten kommen.
      Danke!

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