Alleine reisen heißt nicht einsam reisen. Auch wenn ich mich nach 17 Tagen auf der Straße zunehmend erwische, dass ich mit mir selbst rede (eine reflexive Übung, die man übrigens jedem nur ab und ans Herz legen kann – ist ziemlich heilsam) – Begegungen gibt es doch genug. Sie sind es, die die Einsamkeit verhindern, die einen erinnern, dass man ein Mensch unter Menschen ist und kein stummer kleiner Prinz, der auf seinem ganz eigenen einsamen Planeten um sich selbst kreist.

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Letztlich ist jedes Selfie die Definition der Einsamkeit.

Begegungen

… wie auf einem Hof abseits der Straße hinter Ytterhogdal, einer besseren Geisterstadt in Zentralschweden. Verzweifelt bin ich einem handgemalten Schild B&B hinterhergestolpert, das mich tiefer und tiefer in den Wald führte, fort von der Teerstraße, gefühlt fort von aller Zivilisation. Angekommen am Ende der Straße empfangen mich zwei kläffende Hunde. Der Hof ist verlassen. Auf der Veranda eine Nummer. Ich rufe an. Eine Deutsche geht hin! Mitten am gefühlten Ende der Welt gerade nun das! Ja, sicher könne ich bei ihnen übernachten, ich solle einfach schoon mal reingehen (!), sie ruft ihren Lebensgefährten an, der ist Schwede und zeigt mir alles. Und ich brauche mir keine Gedanken machen – er ist ein ganz Lieber.

 

Drinnen öffnet sich eine Märchenwelt. Zart und liebevoll dekoriert, so sauber, man könnte vom Boden essen.

 

Während ich mich noch wundere, was sie mit dem Hinweis auf ihren Lebensgefährten meinen kann, geht die Tür auf und herein kommt … eine Mischung aus Tom Bombadil und einem Stammesältesten der Hell’s Angels.

Ein Riesenkerl mit rotem Bart und rotem Gesicht, Lederweste und Tattoos bis oben hin.

Er passt in das pastellsüße Dekor ungefähr so hinein wie Obelix in eine römische Marmorhalle. Aber als er mir die Hand gibt und vom Haus erzählt und den Hunden und ob er mir mit irgendwas helfen kann, weiß ich, was sie meinte. Der ganze Mensch atrahlt eine menschliche Wärme aus, die so hell leuchtet wie sein Bart. Als ich am nächsten Morgen aufs Rad steige, die Hunde aufgeregt um die Beine springend (sobald ich das Haus betreten hatte, waren wir Freunde), umarmt er mich fest, klopft mir auf die Schulter und meint, wie sehr er mich bewundert.

Er, der aussieht, als würde er jetzt gleich vor dem Frühstück noch einen Wald fällen und ein Haus bauen und Nägel mit der blanken Faust reinschlagen – ER bewundert MICH. Ich fahre los, und anstatt mit mir selbst zu reden, singe ich. Es ist ein guter Tag.

IMG_20180514_212533_879IMG_20180513_190442_220IMG_20180513_185809_830Begegnungen

… wie irgendwo auf der endlosen E45, die nach Norden führt, immer nach Norden, plötzlich ein Rennradfahrer neben mir auftaucht. Wohin ich denn so fahre? Er habe eine kleine Trainingstour für ein 300 km-Rennen vor sich. Wie weit er fahre? Och, heute nur 200 km. Uff. Ich komme mir mit meinem vollbepackten Rad und mit Winterhandschuhen und Wollmütze neben dem nur mit einer Windjacke bekleideten hyper-aerodynamischen Typen vor wie ein Windfang. Was bin ich dagegen schon mit meinen 110 km im Schnitt am Tag? Aber er ist ein heiterer Mitfahrer, begleitet mich eine ganze Weile. Wir brauchen die ganze Spur, die (seltenen) Autos hupen. Er winkt jedem. Mwn höre an der Art des Hupens, ob sich die Autofahrer gerade aufregen oder dich anfeuern, meint er. Und in Schweden sei jedes Hupen ein Anfeuern. Dann erzählt er von seiner Oma, die einmal tatsächlich von einem Bären überrascht wurde. Sie war im Wald Blaubären pflücken und da kam der Bär. Aber der hatte es nur auf Omas Blaubären abgesehen. Sie kam mit einem Schreck und ohne Blaubären davon. Zwischendrin ruft er “Elche!” und tatsächlich. Am Straßenrand stehen zwei Elche, ziemlich irritiert, als würden sie auch nicht so recht wissen, wie mit dem windschnittigen Typen auf dem neonfarbenen Rennrad und dem keuchenden Winterwollknäuel daneben umzugehen sei. Sie entschließen sich dann für das meist weiseste: Ignorieren. Irgendwann verabschiedet sich der Rennradler mit Handschlag und den weisen Worten “Better drink a beer than meet a bear!”. Prost darauf!

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EPISODE 14: On the road (IV)

Posted by:Nora Beyer

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3 replies on “RIDE YOUR F**** BIKE! Von Nürnberg zum Nordkap in 30 Tagen. EPISODE 13: On the road (III)

  1. Wow..! Bin gerade (naja, vor einer guten Stunde) auf deine Seite gestoßen und habe fasziniert deinen Bericht vom Anfang bis hierher durchgelesen. Und ich muss sagen: Wow!
    Also erstens: Dein Trip/Reise/Abenteuer. Dreißig Tage immer der Nase nach nach Norden – bis es nicht mehr weitergeht. Respekt!
    Aber zweitens und noch viel mehr: Deine Art zu schreiben. Viele deiner Worte spiegeln so unglaublich genau das wieder, was ich auf meinen bisherigen Radreisen erlebt habe: Vom Reisen alleine, über Ausrüstung und Material, die Eindrücke am Wegesrand, von Motivation, Scheitern und Triumphieren, von Kälte, Regen und Krankheit, und von der Herzlichkeit der Menschen insbesondere dann, wenn man es am wenigsten erwartet.
    Ich bin jedenfalls gespannt, wie es für dich weitergeht und freue mich schon auf die nächsten Beiträge. Bis dahin drück ich dir die Daumen und wünsche dir jeden Tag Rückenwind! Und nebenher werde ich wohl meine eigene nächste Tour mal etwas in den Fokus nehmen…

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