Vorab: Am besten reist es sich alleine. Bevor jetzt die Misanthropie-Vorwürfe kommen: Alleine reisen hat nichts damit zu tun, andere Menschen nicht zu mögen. Im Gegenteil: Eben die Einsamkeit erlaubt erst den wirklichen Kontakt zu Anderen. Ein Widerspruch? Mitnichten. Wer alleine reist, reist mit offenen Augen und gespitzten Ohren. Zu zweit oder gar zu mehreren hat man die Tendenz zu geschlossenen Gesellschaften. Man bleibt unter sich. Wer alleine reist, sucht automatisch Anschluss, Ansprache, Andere.

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Als ich mit knapp 19 Jahren meine erste große Reise alleine unternahm – mit der Transsibirischen Eisenbahn alleine in die Mongolei, um dort sechs Monate zu arbeiten – bin ich mit unzähligen Menschen ins Gespräch gekommen. Habe unzählige Begegnungen gehabt und wunderbare Menschen kennengelernt.

Aber ist alleine reisen nicht gefährlich, vor allem als Frau? Jein. Bestimmt gibt es tendenziell gefährliche(re) Orte auf dieser Welt. Und auch ich habe auf meinen Reisen durch Russland, die Mongolei und Korea den ein oder anderen (seltenen) Moment des Unwohlseins gehabt. Aber: Tendenziell und pauschal stelle ich die These vom Guten des Menschen auf. Das mag sicherlich naiv sein. Allerdings ist es eine überlegte, eine bewusste Naivität. Ich halte nichts von der Angst vor dem Fremden, dem Anderen, dem Unbekannten. Eben weil das Fremde, das Andere, das Unbekannte nur solange fremd, anders und unbekannt ist, solange man keinen Fuß hineingesetzt hat, sich mit niemandem unterhalten hat, sich nicht eingelassen hat. Wer dem Fremden in die Augen sieht, erkennt sich bisweilen selbst darin.

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Wer dem Fremden in die Augen sieht, erkennt sich bisweilen selbst darin.

Natürlich hat der Standard-Satz sämtlicher Auswärtiger Amts-Empfehlungen seine Berechtigung: An fremden Orten (und das gilt letztlich auch für die Straße um die Ecke der eigenen Wohnung) aufmerksam bleiben, den gesunden Menschenverstand einsetzen. Der besagt schlussendlich ja nur, was jeder Reisende ohnehin tun sollte: Die Augen offenhalten – um die Dinge um uns wirklich wahrnehmen zu können, um ein Gefühl für die Welt um uns zu entwicklen. Wer blind durch die Welt stolpert, wird dies in seinem Heimatviertel genauso tun wie im Vorort von Teheran oder auf dem Schwarzmarkt in Ulan Bator. Sehen will gelernt sein.

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Sehen will gelernt sein. Mädchen in Peking 2009.

Aber wie verhält man sich nun am besten in der Fremde? Ein Nomade in der Mongolei hat mir das vor vielen Jahren einmal eindrücklich geschildert. Ich war bei seiner Familie zu Gast und zum Essen eingeladen in deren Ger (Jurte). Nun muss man wissen, dass die Nomadentradition einige Richtlinien kennt, wie man sich beim gemeinsamen Essen zu verhalten hat. Angefangen davon, wie man das Ger betritt, über die Sitzposition der Familienmitglieder und Gäste bis hin zu Unterhaltungsabläufen (Zuerst wird nachgefragt, wie es um das Vieh steht, dann fragt man nach dem Wohlbehalten der Kinder und Familienmitglieder). Natürlich wird weder verlangt noch vorausgesetzt, dass Fremde um diese Traditionen wissen oder diesen folgen. Intuitiv hielt ich mich einfach im Hintergrund, wartete stets darauf, dass eines der Familienmitglieder mir deutete, wo ich sitzen solle und aß und trank alles, was man mir vorsetzte. Als das Essen beendet war und der Vodka herumgereicht wurde, setzte der Familienvater zu einer Lobrede an, und ich begriff: Über mich!

Mein mongolischer Freund neben mir übersetzte: Die Familie sei froh und stolz, dass sie einen Gast wie mich in ihrer Mitte hätten. Denn viele Fremde kämen und träten auf, als gehöre die Welt ihnen und alles darin. Ich hingegen, und hier überlegte das Familienoberhaupt kurz, als müsse er den passenden Vergleich finden, und als er ihn dann fand, grinste er breit: Ich hingegen verhielte mich wie ein Mongole.

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Ich hingegen, und hier überlegte das Familienoberhaupt kurz, als müsse er den passenden Vergleich finden, und als er ihn dann fand, grinste er breit: Ich hingegen verhielte mich wie ein Mongole.

Was einmal mehr beweist, dass die einzige Maxime, die immer treffend ist auf Reisen, die altbekannte ist:  When in Rome, do as the Romans do. Also, ihr Reisenden, seid Römer in Rom, Mongolen in der Mongolei und, vor allem und überhaupt, folgt der jiddischen New Yorker-Weisheit Be a Mentsh! Die Bedeutung präzisierte Rosten 2002 in seiner Jiddisch-Enzyklopädie: „Es ist gar nicht leicht, den Respekt, die Würde und die Zustimmung zu vermitteln, die in dem Begriff mitschwingt, wenn jemand ›a real mentsh‹ genannt wird: ein Vorbild, ein edler Mensch“.

Wenn also draußen in der Welt – seid Mentshen!


Und in der nächsten Episode:

EPISODE 10: Die Angst vorm Mut oder Reise Courage und ihre Kinder

Posted by:Nora Beyer

gamejournalist_autor_bikeguide

3 replies on “RIDE YOUR F**** BIKE! Von Nürnberg zum Nordkap in 30 Tagen. EPISODE 9: Hello darkness, my old friend: Vom alleine reisen (als Frau)

  1. Liebe Nora, lange hat man sich nicht gesehen. Das mit deiner tollen Reise ging völlig an mir vorbei, hab’s grad über einen Post der DAV-WhatsApp-Gruppe gelesen. Viel Spaßßß! Martin Wolf

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