Werfen wir allen unnötigen Ballast von uns – alle Teleskopstangen, allen Schnickschnack, alles an Surplus – und fahren wir einfach los! So endete die letzte Episode von RIDE YOUR F**** BIKE!

Aber wohin eigentlich? Genauer gesagt: Mithilfe wovon?

Denn: Auch wenn wir dann endlich unser Reiseziel haben, die Destination unserer Wünsche, Tagträume und Sehnsüchte, so bleibt eine Herausforderung doch nach wie vor: Die uralte Frage der Navigation.

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Und wohin nun von hier aus? Die uralte Frage der Navigation.

In Zeiten der GPS-Navigation sind haptische Karten vielfach in den Hintergrund geraten – Relikte einer vordigitalen Zeit, in der es quasi noch nach heruntergebrannten Kerzen und vergilbten Bücherstapeln roch.

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Da steh (radel) ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor …

Nun werden Wege vorberechnet, aktualisiert, neu berechnet, dynamisch angeglichen. Wir werden verortet und unser Standort in Echtzeit evaluiert. Egal ob Eiscafé, Jägerstand oder Tierhandel – das GPS zeigt uns jeweils an, was sich in unserer Nähe befindet und welcher Weg uns am schnellsten zu dem von uns angegebenen Ziel bringt.

Kurz: Es sagt uns (nahezu) jederzeit, wo wir sind, wohin wir zu gehen haben und was uns da erwartet.

Das ist – gerade in uns unbekanntem Gelände – natürlich überaus praktisch. Es macht das Unbekannte bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar und die Ferne gewissermaßen vertraut. Es nimmt der Fremde viel vom Schrecken, der eben durch das Ungewohnte ausgelöst wird. Wenn ich schon daheim bei der Planung meiner Radreise mithilfe von Basecamp, Mapsource und Co. mitten im vermeintlichen Nirgendwo eines exotischen Landes einen McDonalds entdecke, dann erweckt das ein beruhigend-vertrautes Gefühl in mir. Das Unbekannte wird greifbar, eben weil die Welt bis ins Kleinste kartographiert und quasi jederzeit einsehbar ist.

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Das Navi sagt uns jederzeit, wo wir sind, wohin wir zu gehen haben und was uns da erwartet.

Es nimmt der Fremde aber dadurch auch einen erheblichen Reiz. Eben das Unwegsame, das Unbekannte, das große, schreckliche Fragezeichen, die blinden Flecken auf der Karte, die Platzhalter auf jeder Reise sind es doch, die von uns das abverlangen, was die vielleicht größte Tugend des Reisenden ist: Sich darauf einzulassen, letztlich egal, worauf. Erfahrungen zu leben, dann, wenn sie kommen und uns aufsuchen, anstatt Erfahrungen planen zu wollen.

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Erfahrungen sind nicht planbar. Auch nicht, wohin der Weg einen letztlich führt.

Das hat die gute alte haptische Karte noch vielfach ermöglicht. Auf ihr mussten wir uns erst einmal selbst suchen, uns selbst verorten und dabei zwingendermaßen lernen, die Landschaft um uns zu lesen, aufmerksam zu sein. Wir mussten öfter unsere Augen aufmachen.

Das Navigationsgerät hingegen ermöglicht einen wunderbaren, angenehmen Flow – es führt uns an der Hand. Wir müssen nur folgen. Wir müssen nicht nach links noch nach rechts sehen. Wir müssen nicht wissen, wo wir sind. Das Navi weiß es schon.

Es gibt uns alle notwendigen Informationen, damit wir auf möglichst wenig Überraschungen treffen, damit sich uns möglichst wenige Hindernisse in den Weg stellen. Damit die Fremde gar nicht so beängstigend fremd ist.

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Freilich: Das Navi ermöglicht einen wunderbaren Flow. Aber um welchen Preis?

Wir müssen unsere Augen kaum mehr öffnen. Und unsere Herzen auch nicht. Aber vielleicht ist es Zeit, umzudenken? Sich einzulassen? Auf das große Unbekannte, das Unvorhergesehene und das Unvorhersehbare? Vielleicht ist es Zeit, den vorberechneten Pfad zu verlassen und nicht bei der nächsten Möglichkeit zu wenden – egal, wie oft die freundliche, aber direkte Navigations-Stimme einen dazu auffordert.

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Vielleicht ist es Zeit, sich von den vorberechneten Pfaden zu verabschieden.

Und in der nächsten Episode:

EPISODE 8: Reisen kann jeder! Über die Lust an der Flucht

 

Posted by:Nora Beyer

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2 replies on “RIDE YOUR F**** BIKE! Von Nürnberg zum Nordkap in 30 Tagen. EPISODE 7 – Digitalize now! Über die Nostalgie der haptischen Karte

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