Die letzte Episode endete mit der Frage, vor der jeder Abenteurer, jeder Reisende, jeder Ruhelose, früher oder später notwendigerweise steht: Was brauche ich eigentlich auf meiner Reise?

Die Gretchenfrage des Weltbürgers.

Die Faustregel des (Rad)Wanderers: Mehr ist schwer. Die Würze liegt hier also in der Fähigkeit, sich auf das Notwendige zu beschränken. Aber: Was ist denn das Notwendige, wenn nicht ein letztlich grundlegend subjektiver Begriff? Was Hänschen als existenziell notwendig empfindet, deklariert Hans als absolut sekundär. Die schlauen Bücher über Reisen sind voll von Packlisten, Gear-Tabellen und sonstigen Aufzählungen des Unentbehrlichen.

Die schlauen Bücher sind oft voll von gutgemeinten Packlisten in endloser Ausführung.

Die (Un)Entbehrlichkeit der Teleskopstange

Als ich nach dem Abi mit damals zwanzig Jahren mutterseelenallein auf meine Reise in die Mongolei aufgebrochen bin, um dort für eine Zeit lang zu arbeiten (damals noch mit dem Zug, nicht mit dem Fahrrad, nämlich mit der legendären Transsibirischen Eisenbahn), war die Packliste für die Zugreise, die ich einem Transsib-Führer entnommen hatte, schier endlos.

Als grundlegendes Tool war dort etwa auch der Wischer an der Teleskopstange angegeben, mit dem der auf alles vorbereitete Reisende in regelmäßigen Abständen die Fensterscheiben seines Abteils von außen reinigen könne, um in der Folge unbeflecktere Fotos aus dem Zugfenster heraus schießen zu können.

Ich mit damals knapp 20 Jahren auf einem Bahnsteig irgendwo kurz vor der russisch-mongolischen Grenze. Im Hintergrund die Transsib. Und der Horizont.

Kann man machen.

Muss man nicht.

Distanz wahren!

Und das ist vielleicht die treffendste Aussage, wenn man eine Reise plant und sich potentiell von all jenen Packlisten und Gear-Tipps verunsichern lässt. Es ist ohne Zweifel durchaus hilfreich, sich durch ein paar Ausrüstungslisten einschlägiger Reisender zu wühlen. Aber bitte Distanz wahren. Ich war noch auf keiner Reise, ohne nicht ein Paket nachhause geschickt zu haben mit Dingen, die mir vor der Reise noch unentbehrlich schienen.

Ich packe meinen Koffer, und nehme mit…! Die Gretchenfrage des Weltbürgers: Was ist eigentlich wichtig?

Just another acronym

Meiner Erfahrung nach gibt es letztlich nur eine Handvoll Faktoren, die wirklich grundlegend relevant sind: Kälte, Regen, Krank. Nennen wir es einmal die KRK-Regel (weil die einschlägigen Bücher auch immer gerne mit Akronymen um sich werfen). Wichtig ist: Ausrüstung gegen Regen und Kälte, damit der Körper nicht auskühlt. Und Medizin bzw. Ersatzteile, wenn wir oder unser zweirädriger fahrbarer Untersatz schwächeln. Oder entsprechende Möglichkeiten, Hilfe zu rufen, damit wir weiter kommen. Im Notfall zumindest bis zur nächsten medizinischen Versorgung.

KRK ist basal, klar.

Aber darauf aufbauend kann dann jeder selbst entscheiden, was er oder sie als notwendig empfindet. KRK ist unentbehrlich. Der Rest ist weitgehend subjektiv-relativ.

KRK – Wichtig ist nur wenig. Eine Cap ist aber natürlich essentiell ;)!

Was brauche ich eigentlich wirklich im Leben?

Anstatt endlosen Packlisten nachzufolgen, kehren wir zurück zu der Frage Was brauche ich eigentlich auf meiner Reise? und schieben noch ein kleines „wirklich“ hinein: Was brauche ich eigentlich wirklich auf meiner Reise?

Und wer einmal anfängt, die Teleskopstange wieder aus seinen Packtaschen zu nehmen und Dinge aus- statt einzupacken, der wird bald feststellen, dass die Frage Was brauche ich eigentlich wirklich auf meiner Reise? größer wird, weiter, sich ausdehnt und mehr und mehr Raum einnimmt und schließlich in eine ganz andere Frage mündet:

Was brauche ich eigentlich (wirklich) im Leben?

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Einfach mal losfahren!

Losfahren!

Denn: Wir können nicht Ballast auf Reisen von uns werfen, ohne dass diese Befreiung vom Unnötigen, diese Entscheidung über (für uns) Wichtiges und Unwichtiges auch – oft unmerklich –  andere Bereiche unseres Lebens betrifft.

Wir lassen dann nicht nur die Teleskopstange zurück, sondern auch den hortenden Teil unseres Ichs, der seine Furcht vor dem Unbekannten, dem Fremden, der Ferne, dadurch zu kompensieren versucht, indem er sich auf alles nur denkbar Mögliche vorbereitet. Was, und das wissen wir doch eigentlich alle, schlicht unmöglich ist.

Also lassen wir doch die Teleskopstange daheim, allen unnötigen Ballast. Und unsere Furcht.

Fahren wir einfach los.


Und in der nächsten Episode:

EPISODE 7: Digitalize now! Über die Nostalgie der haptischen Karte

Posted by:Nora Beyer

gamejournalist_autor_bikeguide

3 replies on “RIDE YOUR F**** BIKE! Von Nürnberg zum Nordkap in 30 Tagen. EPISODE 6 – Ich packe meine Koffer: Gear & Co. (II)

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