Als mein Vater und mein Bruder vor ein paar Jahren die Mammutaufgabe (weil damals recht unfit) AlpX mit MTB und Rucksack angetreten haben, kann ich mich noch an die quasi-fatalistische Aufgedrehtheit meines alten Herrn am Vorabend der Abreise erinnern. Durch die Aufregung energiegeladen bis in die Zehenspitzen rannte er herum und warf einem ein Späßchen nach dem anderen vor die Füße – wohl nur, um das eigene Lampenfieber im Zaum zu halten.

Ein Bild ist mir dabei vor allem im Gedächtnis geblieben. Mein Vater in seinem bunten, engen Trikot, der eine in der Mitte entzweigebrochene Zahnbürste in die Kamera hält. Ein breites, beinahe irres, Grinsen auf den Lippen. Der Titel des Ganzen: Gewichtsoptimierung 2.0!

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Gewichtsoptimierung 2.0

Auf all meinen Radreisen durch Deutschland und durch Europa hat mich dieses lustig-fatale Bild nicht mehr losgelassen. Man liest und hört viel davon, diesem großen, diesem gewichtigen Wort: Gewichtsoptimierung. Für die armen Wichte, die zu Fuß die Welt erlaufen, vielleicht noch grundlegender als für uns Radreisende. Aber dennoch kommt man als Reisender, egal worauf, womit oder wohin, nicht um die grundlegende Frage herum: Was brauche ich eigentlich auf meiner Reise?
Die Gretchenfrage des Weltbürgers quasi.
Die zerbrochene Zahnbürste ist freilich ein überzeichnetes Bild. Genauso extrem und vielleicht übertrieben wie der Hightech-Abenteurer, der den ganzen Tag damit verbringt, mit einer Hochsensibilitätswaage potenzielle Ausrüstungsgegenstände in seiner nächsten Umgebung auf Grammkommaunterschiede zu messen. Fakt ist aber natürlich: Schleppst du mehr, bist du schwer. Leger ausgedrückt.

Die Gewichtsoptimierung ist aber mal vor allem eins: Ein Prozess. Mehr noch: Ich würde sogar behaupten, sie ist ein Coming-of-Age, ein Reifeprozess in gewissem Sinne. Es geht nicht nur darum, sich mit möglichst wenig Gewicht zu belasten. Es geht darum zu lernen, sich auf das Notwendige zu beschränken. Zu lernen, was wichtig ist. Und was nicht.

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Was brauche ich eigentlich auf meiner Reise? Die Gretchenfrage des Weltbürgers.

Und wer einmal anfängt, in ein Abenteuer aufzubrechen, loszulaufen, fortzuradeln, der wird bald feststellen, dass die eingangs gestellte Frage – Was brauche ich eigentlich auf meiner Reise? – größer wird, weiter, sich ausdehnt und mehr und mehr Raum einnimmt und schließlich in eine ganz andere Frage mündet: Was brauche ich eigentlich im Leben?

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Die letzte Frage: Was brauche ich eigentlich im Leben?

Und was ist das? Mehr dazu in der nächsten Episode.

EPISODE 6: Ich packe meinen Koffer – Gear & Co. (II)

Posted by:Nora Beyer

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2 replies on “RIDE YOUR F**** BIKE! Von Nürnberg zum Nordkap in 30 Tagen. EPISODE 5 – Ich packe meine Koffer: Gear & Co. (I)

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