Eigentlich geht es nicht um die goldene Pyramide. Es geht um die Unsterblichkeit in den Annalen der Historie. Um die Vermessung der Welt. Um unseren Namen in den Geschichtsbüchern kommender Generationen.

Schlicht: Es geht um Ruhm.

Und so ziehe ich los, in den Schuhen der großen Marie Curie, den letzten nicht kartographierten Gebieten der Erde ihre Geheimnisse zu entreissen. In 8-bit. In The Curious Expedition werden keine Welten vor Dämonen gerettet, keine Prinzessinnen befreit, keine Verschwörungen aufgedeckt. Nur der Drang nach dem, was wohl hinter der nächsten Ecke, hinter dem Fog of War wartet, entdeckt zu werden, treibt mich voran. Mich und meine Gefährten: Der beleibte Priestermissionar Bruder Virgil, der schottische Soldat Raibeart MacQuarrie, mein treuer Jagdhunde Rocky und mein Packesel – Ms. Overton.

Nach Wochen auf hoher See schält sich aus dem Nebel endlich eine Küstenlinie: Unbekanntes Land. Mein 8-bit-Herz beginnt heftiger zu schlagen. Gleich gehen wir von Bord, ohne noch die Wasservorräte aufzufüllen. Unvernünftig, vielleicht. Aber der Dschungel scheint voller Wasserlöcher zu sein und das Abenteuer drängt.

Im Gänsemarsch schlagen wir uns durch dichten Dschungel, hohes Grasland, über Berge und durch Sümpfe. Mit jedem Schritt lichtet sich der Fog of War vor uns. Fragezeichen erscheinen lockend auf der Karte, Versprechen von Ruinen voll mit antiken Schätzen und uralten Geheimnissen.

Sie treiben mich voran, weiter hinein in das Herz der Finsternis.

Zuerst bemerke ich kaum den Balken, der mit jedem Schritt schrumpft.

Sanity.

Nur noch über den nächsten Berg – aber da ist der Balken leer.

Eine bedrohliche Melodie umgibt die nun folgende Szene.

Es ist Nacht, wir stehen um das Campfeuer, Ms. Overton ein wenig abseits, als Bruder Virgil anfängt.  Kaum Essen hier draußen. Und zwei Tiere. Warum nicht eines schlachten? Warum nicht ein bisschen frisches Fleisch? Ich lehne ab. Schnell zwei Tafeln Schokolade. Der Sanity-Balken füllt sich. Erstmal ist das Thema vom Tisch. Aber ich habe nicht übersehen, wie Bruder Virgil mir hinterher gesehen hat. Noch habe ich zwei Tafeln Schokolade im Gepäck. Was, wenn die verzehrt sind?

Der nächste Morgen. Tief in den Bergen entdecken wir eine verlassene Höhle. Meine Fackel brennt hell in der Dunkelheit. Leere Kisten, Skelette dazwischen. Die Knochen sind aufgebrochen, das Knochenmark ausgesogen. Eine gescheiterte Expedition. Schnell verlassen wir die Höhle.

Vor uns liegen mehr Berge, der Aufstieg zehrt an den Kräften. Die Sanity schwindet unter meinen Fingern. Da vorne ist ein Dorf.

Schnell.

Schnell.

Der Balken leuchtet rot. Eine Tafel Schokolade. +10 Sanity. Aber nun dichter Dschungel zwischen dem Dorf und uns. Es sind zu viele Schritte. Zu weit. Noch eine Tafel Schokolade.

Die letzte.

Es reicht nicht.

Wieder die bedrohliche Melodie. Wieder finsterste Nacht. Bruder Virgil ist in eine Speerfalle getreten. Seine Wunde eitert. Wir schleppen uns weiter. Das Dorf ist so nah. Ein paar Schritte weiter, mit leerem Balken, unablässig rot leuchtend. Wieder die Campszenerie. Die Schrecken der Reise haben Bruder Virgil so sehr mitgenommen, dass er die Hälfte unserer Ausrüstung verloren hat. Das Wasser wird knapp. Werden wir das Dorf jemals erreichen?

Der letzte Ausweg. Coca Blätter.

Sie bringen ein wenig Sanity zurück.

Aber auch pathologische Nebenwirkungen.

Wir kämpfen uns weiter.

Aber es ist zu spät.

In dieser Nacht schreit Bruder Virgil die Sterne an, sie seien zu groß. Zu groß. In seinen Augen ist zu viel weiß.

Bipolar.

Am nächsten Morgen erreichen wir endlich das Dorf. Die Einwohner beäugen uns mit Argwohn, aber sie lassen uns bleiben. Für diese Nacht. Wir füllen unsere Vorräte mit Mangos und beschenken die Einwohner. Die Stimmung lichtet sich.

Einer der Eingeborenen bietet an, sich unserer Truppe anzuschließen. Ich heiße ihn willkommen. Er kennt jeden Pfad hier, jeden Baum. Bruder Virgil tritt auf mich zu. Er will die Gruppe verlassen, habe sich in eine von den Eigeborenen verliebt. Wer bin, echter Liebe im Wege zu stehen?

Wir verlassen das Dorf ohne Bruder Virgil, mit unserem neuen Gefährten. Immer wieder drehe ich mich um. Ein Schatten scheint uns zu folgen. Ein Vorbote Übles? Nach einer Zeit gelangen wir an eine weitere Höhle.

Aber wir haben keine Fackel mehr. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denke ich noch.

Wir betreten die Höhle.

Lange Dunkelheit umfängt uns.

Am Ende schließlich Zwielicht. Ein Riss in der Wand. Gerade groß genug. Ich schicke Raibeart McQuarrie vor.

Wir warten.

Und warten.

Aber er kommt nicht wieder.

Schließlich verlasse ich die Höhle. Meine Sanity bleibt mit Raibeart McQuarrie in der Dunkelheit zurück.

Die Mangos halten zwei Tage.

Wir übernachten unter einem überhängenden Felsen, der Wind laut in der Nacht. Ich erwache von einer Hand auf meinem Arm. Als ich die Augen öffne, sehe ich Raibeart McQuarrie vor mir.

Ein Geist?

Nein. Irgendwo ist er aus der Höhle entkommen. Gemeinsam dringen wir immer tiefer in den Dschungel vor. Der Wald um uns wird immer dichter, der Balken wieder rot.

Keine Schokolade, keine Mangos, keine Coca Blätter.

Nur ein paar Juwelen und ein goldener Kelch. Wertlos nun in ihrer ganzen Kostbarkeit.

Der Mond scheint grell in dieser Nacht, als ich von lautem Schmatzen geweckt werde. Unser Gefährte aus dem Dorf ist fort. Da sitzt nur McQuarrie am Feuer und nagt an etwas.

Es sieht aus wie – der Unterarmknochen eines Menschen.

In dieser Nacht finde ich keinen Schlaf. Der Dschungel scheint sich immer schwärzer um uns zu schließen, mit jedem Schritt leuchtet der Balken noch roter, noch bedrohlicher.

In der nächsten Nacht erwache ich von einem Schuss in der Dunkelheit. Ich renne zu McQuarrie. Aber ich finde ihn leblos am Boden.

In meiner Hand das Gewehr.

Meine Sanity ist endgültig verloren.

Am nächsten Morgen öffnet sich plötzlich der Dschungel vor mir. Auf einer Lichtung, in Sonne und Herrlichkeit getaucht die goldene Pyramide. Die Expedition ist zu Ende. Das Ziel ist erreicht.

Aber zu welchem Preis?

Zuhause die jubelnde Menge. Ruhm hallt mir entgegen. Aber das einzige, an was ich denken kann inmitten der jubelnden Masse ist der letzte Satz aus Joseph Conrads Heart of Darkness: „Das Grauen. Das Grauen“.

Posted by:Nora Beyer

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