Es war einmal ein winziges Dorf im Norden der Welt, das besaß nichts außer einer uralten Kirche, die schon länger im Wald stand als die Menschen im Ort sich erinnern konnten. Die Kirche war nicht groß und nicht voll Gold und Silber, wie ihre Geschwister in anderen Städten und Orten, aber aus der Mitte ihres Daches ragte ein sehr schöner, wenn auch alter und runzliger Kirchturm, mit einem eiserne Wetterhahn an der Spitze heraus.

Immer wenn die Glocke im Turm zur vollen Stunde schlug, tanzte der Hahn, über die Wipfel der Bäume hervorlugend, im Kreis herum, so oft wie es Schläge tat und die Stunde schlug.

Weder der Turm, noch der Wetterhahn, noch die Bauern im Dorf konnten sich an eine Zeit erinnern, in der es anders gewesen wäre.

Und so vergingen Jahre und Jahrzehnte und vielleicht sogar Jahrhunderte – wer kann das so genau schon wissen?

Bis zu jenem Winter, als der Rabe kam.

Alleweil war nämlich ein Rabe auf der Suche nach dem Ende der Zeit. Nicht, dass er des Lebens überdrüssig gewesen wäre, aber nach langen Jahren des Brütens, des Futtersuchens und des allzu oft ziellosen Umherfliegens in seinem familiären Revier sprach er zu Mutter und Vater Rabe:

-Vater, Mutter, ich ziehe aus das Ende der Zeit zu suchen.

Keiner der Raben verstand es und ein großes Geschrei und Gekrächze ging durch den heimatlichen Wald:

-Was hat die Zeit schon, dass du sie suchen musst?

Der Vater legte dem Sohn einen seiner schwarzen Flügel auf das kohlefarbene Gefieder und sagte:

-Du brauchst nicht auszuziehen und ihr Ende suchen. Wenn du älter bist, wirst du sehen, dass es schon früh genug kommt, früher als es dir vielleicht lieb ist.

Aber Alleweil hörte nicht und flog in die Welt hinein.

In jenem Winter fand er lange Zeit nichts zu fressen, tief waren alle Würmer unter die eisgefrorene Erde gekrochen, Schnee bedeckte das Land.

Erschöpft und verzweifelt kam Alleweil in das winzige Dorf und suchte Unterschlupf im uralten Kirchturm.

Als es Zwölf schlug kam Leben in den mit Raureif beschlagenen Wetterhahn auf der Spitze des Turms.

Mit jedem Glockenschlag tanzte er im Kreis herum.

Alleweil wunderte sich sehr über das Benehmen des Hahnes und nach dem letzten Schlag fragte er:

-Warum drehst du dich?

Der uralte Wetterhahn schüttelte erst ein wenig den frischgefallenen Schnee von seinem eisernen Köpfchen, bevor er antwortete:

-Ich gebe die Zeit an.

Alleweil wunderte sich immer mehr:

-Aber das macht doch die Glocke. Niemand liest an dir die Zeit ab.

-Ich gebe die Zeit an. Von Anfang bis zum Ende. Wenn ich mich drehe wenn die Glocke schlägt weiss ich das Ende der Zeit, wenn sie aufhört und ich stillstehe.

-Aber du bist doch ein Wetterhahn! Du sollst das Wetter, nicht die Zeit angeben.

-Papperlapapp. Du bist ein Rabe und solltest jagen und längst weiter im Süden sein. Und doch sitzt du halb verhungert im Schnee und redest mit einem Wetterhahn. Und dabei können Wetterhähne gar nicht reden!

Und damit schwieg der Hahn und war stumm wie zuvor.

Aber Alleweil hatte Hoffnung geschöpft. Er war schon so weit geflogen und alles für das Ende der Zeit hinter sich zurückgelassen. Der Wetterhahn hatte vom Ende der Zeit gesprochen.

-Wenn ich es hier nicht finde, dachte Alleweil in seiner Verzweiflung, dann werde ich unverrichteter Dinge wieder zurückkehren müssen.

Nachdrücklich hackte er mit seinem spitzen Schnabel gegen den eisernen, nun starren Wetterhahn:

Guter Wetterhahn, flehte er, bitte erzähle mir vom Ende der Zeit.

Noch immer etwas gekränkt, blinzelte der Hahn den Raben an:

Warum wirst du es wissen wollen? Es würde dein Ende bedeuten.

Alleweil schüttelte den Kopf:

Das glaube ich nicht. Du lebst ja auch noch.

Wie kann ein Rabe auch wissen, dass ein Wetterhahn nicht sterben kann, weil er noch nie gelebt hat?

Alleweil flehte weiter:

-Ich bin so weit geflogen und habe so viele Länder durchquert. Aber Nirgendwo habe ich das Ende der Zeit gefunden!

-Das liegt daran, dass du nicht genau hinsiehst. Du verlierst dich im Großen der Frage ohne zu sehen, dass das Große aus vielem, vielem kleinen besteht. Schau!

Mit einem metallenen Quietschen drehte sich der Wetterhahn Richtung Dorf. Alleweil verstand nicht. Ungeduldig nickte der Wetterhahn auf eine der im Schnee begrabenen Hütten, aus der dünner Rauch aus einem schütteren Schornstein aufstieg.

In dieser Hütte liegt eine Alte in ihrem alten, hölzernen, harten Bett im Sterben. Sie hatte ein langes aber unbarmherziges Leben. Feldarbeit und sechs Kinder, drei Enkel und einen toten Ehemann. Sie hat den letzten Krieg gesehen und Liebe erfahren. Sie war nie gebildet und hat nie Habgier empfunden, weil sie zu einfach ist. Sie stirbt in soviel Glück, soviel sie sich selbst zugestanden hat und soviel ihr das Leben gewährte, das sie führte.

In dieser Hütte liegt das Ende der Zeit.

Alleweil verstand nicht.

Seufzend verbog sich der Wetterhahn auf seinem eisernen Gestell, bis sein Schnabel auf den uralten Kirchturm zeigte, auf dem sie saßen.

-Dieser Kirchturm ist bald so alte wie die Menschen selbst. Aber auch sein Ende kommt. Die Zeit wird ihm die Mauersteine aus dem Leib bröckeln lassen, sie schwächt ihn und er wird einstürzen und nur Ruinen werden seine Kinder sein. Wenn er fällt, dann falle ich mit ihm und werde nur noch in Erinnerung leben, bis auch diese Erinnerung vergessen wird von der Zeit.

In diesem Kirchturm liegt das Ende der Zeit.

Alleweil verstand nicht.

Der Wetterhahn bog sich wieder zu ihm hinauf, bis er de Raben direkt in die schwarzen Augen sah:

-Du, Rabe, bist weit geflogen und hast viele Länder durchquert, viel gesehen und doch nichts wahrgenommen. Hast alles zurückgelassen um das Ende der Zeit zu finden und verstehst nicht, dass du genauso gut an einem einzelnen Ort hättest sitzen bleiben können und nur ein wenig hättest warten müssen.

Du hättest Kinder haben können, mit deiner Familie überwintern können und Nahrung suchen und dadurch warten und gleichzeitig die Wartezeit verkürzen können. Du hättest Gutes und Schlechtes in deinem Leben tun können, Schlachten schlagen oder Frieden vermitteln können.

Du, Rabe, bist das Ende der Zeit.

Nur stellst du die falsche Frage. Nicht das Ende der Zeit will gefunden werden. Die Zeit ist zu kurz. Frag dich, was du aus ihr machen kannst.

Danach schwieg der Wetterhahn.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schnell Alleweil wieder daheim war.

Im Dorf derweil starb die alte Frau und wurde von vielen beweint. Auch ich war da und vergoss eine Träne.

Und nach weiterer Zeit hörte man im Ort einen gewaltigen Schlag, Staubwolken quollen durch den Wald.

Der uralte Kirchturm war zusammengebrochen.

Den eisernen Wetterhahn sah man nie wieder.

Der Rabe Alleweil jedoch bekam von alledem nichts mit.

Er spielte mit seinen Kindern und half weiter brüten, pickte nach Nahrung zwischen den Moosen und schnäbelte mit seinen Eltern.

Hin und wieder dachte er an den uralten Wetterhahn, lachte dann krächzend und sprach – zur großen Verwunderung der Raben im Wald – :

Wetterhähne können doch gar nicht reden.  

 

Posted by:Nora Beyer

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