Herr K. hatte in diesem Sommer ganze drei Wochen Urlaub, als er sich entschloss, den Jakobsweg zu gehen.

Er kündigte also seine Abwesenheit im Büro an, ordnete seinen Schreibtisch, gab die Katze zu den Nachbarn, kaufte sich einen Rucksack, besah sich einige Karten und ging los. Er ging wohl aus ähnlichen Gründen los wie die meisten anderen; und sie alle hatten etwas mit einem Irgendwie zu tun: Herr K. war irgendwie mit seiner Arbeit unzufrieden und irgendwie auch mit dem Reihenhaus, in dem er mit der Katze wohnte, seit seine Frau ausgezogen war. Er war irgendwie unzufrieden mit dem, was er tagaus, tagein tat und irgendwie half auch das Glas Rotwein am Abend nicht mehr. Aber genauso, wie er nur irgendwie wusste, dass etwas nicht stimmte, wusste er nicht, was genau es war oder wie er es ändern könnte. Er hatte dann wohl im Fernsehen eine Dokumentation über jemanden gesehen, der auch irgendwie unzufrieden gewesen und daraufhin den Jakobsweg gelaufen war. Am Ende der Dokumentation wurde gesagt, dass es eine ganz besondere Erfahrung gewesen wäre und einen irgendwie zurück zu einem selbst gebracht hätte (so zumindest meinte der Kommentator).

Herr K. hielt das für eine gute Idee. Zumal er keine andere hatte.

Er lief also los.

Drei Wochen, so meinte er (und so hatte es auch in der Dokumentation geheißen und in diversen Ratgebern, die er sich in der Bibliothek zu diesem Zwecke geborgt hatte), müssten sicherlich ausreichen. Zumindest ausreichen, um zurück zu sich selbst zu finden (immerhin war es ja sein kompletter Jahresurlaub).

Er lief also los.

Die ersten Tage verliefen recht gut. Natürlich taten ihm bald die Füße weh und der Rucksack war ihm von Tag zu Tag schwerer und er begann, Socken am Wegrand zurückzulassen und die Bücher, die mitgenommen hatte (für den Fall, dass ihm einmal langweilig werden könnte). Er traf auch viele Menschen auf dem Weg, Pilger wie er, die früh aufstanden, um die ersten am Nachmittag in der Herberge zu sein und die oft herumsaßen und sich darüber unterhielten, ob das Meer in Australien nun blauer war als das Meer in Kantabrien und ob der Kaffee in Astorga besser wäre als der in Estella bei der Herberge mit den blauen Fensterläden und wieviel Kilometer mehr der eine als der andere an diesem Tag gelaufen wäre. Herr K. war nur selten herumgekommen und hörte meistens zu und weil er auch nicht mehr Kilometer jeden Tag als alle anderen lief (eigentlich sogar weniger), konnte er auch dort nicht viel mitreden und saß meistens also da und trank sein Glas Rotwein jeden Abend. Wie daheim. Seine Katze fehlte ihm.

Aber er lief weiter.

Am Ende der ersten Woche traf er am Wegrand eine alte Frau. Die hatte ihre Schuhe ausgezogen und ihre Füße waren voll Blasen und ihre Fersen offen. “Es ist schon spät” rief sie ihm zu, als er an ihr vorüberging, “willst du mir wohl nicht helfen zum Dorf” sagte sie, und wies auf ihre wunden Füße. Herr K. war gut in der Zeit und entschied sich also, der alten Frau zu helfen. Zusammen schnürten sie ihre Schuhe an Herrn K.s Rucksack und gingen zum Dorf. Aber die Frau war sehr langsam und sie erreichten das Dorf erst spät. Als sie endlich ankamen, war die Herberge schon voll. Nur ein Bett war noch frei. Herrn K. schmerzten seine Füße doch sehr und sein Rücken war krumm, da er die Alte gestützt hatte. Aber er ließ ihr das Bett und legte sich vor der Herberge ins Gras. Am nächsten Tag schlief er so lange, dass er viel zu spät loskam. Sein Rücken war durch die Nacht auf dem Boden noch krummer als davor und seine Füße taten ihm weh.

Aber er lief weiter.

Aber weil sein Rücken so krumm war, kam er nur langsam voran und fiel bald hinter seinen Zeitplan zurück. Als er eine weitere Woche gegangen war, kam ein Mann ihm entgegen, ein Fahrrad schiebend. “Es ist schon spät” rief der, als Herr K. an ihm vorüberging “und mein Kette ist gerissen. Willst du mir wohl nicht helfen?” fragte er. Herr K. schaute auf seine Uhr und sah, dass es tatsächlich spät war und er schon weit hinter seinem Zeitplan. Aber er blieb stehen und besah sich die Kette und schraubte ein wenig mit dem Kettennieter herum und sah dabei aber immer wieder auf seine Uhr. Er hatte ja nur drei Wochen Zeit für den Weg und um zurück zu sich selbst zu finden. Und nun hatte er schon viel Zeit verloren. Am Ende versicherte er dem Mann, dass er alles versucht hätte, der Bolzen aber einfach nicht mehr hineingehen wollte und meinte noch, es tue ihm wohl leid, aber dass er nun weiter müsste.

Und so ging er weiter.

Aber als er im Dorf ankam, war die Herberge schon voll bis obenhin und er musste wieder im Gras davor schlafen. Vom Bücken und Stützen und Tragen war sein Rücken nun so krumm, dass er kaum schlafen konnte. Und als er am nächsten Tag endlich loskam, waren alle schon weit vor ihm und er weit hinter seinem Zeitplan.

Aber Herr K. lief weiter.

Nur sah er nun ständig auf seine Uhr und lief so rasch er konnte. Was natürlich weder seinen Füßen noch seinem Rücken gut bekam. Zu allem Überdruss stellte er fest, dass er in Bezug auf das Zurück zu sich selbst noch keine Fortschritte gemacht hatte. Er war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, der alten Frau zu helfen und dem Mann mit dem Fahrrad. Und dann war er viel zu sehr damit beschäftigt, dass ihn sein Rücken schmerzte und seine Füße und zu guter Letzt war er viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, etwas sagen zu könne, wenn die braungebrannten Pilger mit den breiten Hüten diskutierten, ob das Meer in Australien nun blauer wäre als das in Kantabrien und der Kaffee in Astorga besser wäre als der in Estella bei der Herberge mit den blauen Fensterläden.

Es war kurz vor Ende der dritten Woche – und Herr K. nun sehr eilig unterwegs, hatte er in Santiago de Compostela doch einen Flug zu erwischen, weil drei Wochen nun einmal genug sein mussten, um zurück zu sich selbst zu finden und er ohnehin nicht mehr Jahresurlaub hatte, als ihm ein junger Mann am Wegrand begegnete. Der lief ohne Schuhe und war noch langsamer als Herr K. und schaute in die Luft. “Es ist schon spät” rief er, als Herr K. an ihm vorüberging “und sonst niemand mehr auf dem Weg. Sag,” meinte er “willst du nicht mit mir gehen zum Dorf?” Herr K. besah sich den Mann. Aber der hatte weder recht wunde Füße noch war er alt, noch war ihm die Fahrradkette gerissen und Herr K. sah auf seine Uhr und sah, dass er weit, weit hinter seinem Zeitplan war und er musste aber doch noch die Pilgerurkunde in Santiago de Compostela abholen und seinen Flug erwischen und er beschied, dass er einfach keine Zeit hatte.

Also lief er weiter.

Er lief nun so schnell, trotz seines krummen Rückens und der schmerzenden Füße, dass er es tatsächlich nach Santiago de Compostela schaffte, seine Pilgerurkunde abholte und gleich darauf im Flieger nachhause saß.

Am darauffolgenden Montag fütterte er die Katze, ging in die Arbeit und trank abends ein Glas Rotwein. Er hatte nicht herausgefunden, ob das Meer in Australien blauer war als das Meer in Kantabrien und der Kaffee in Astorga besser war als der in Estella bei der Herberge mit den blauen Fensterläden.

Und irgendwie hatte er auch nicht zurück zu sich selbst gefunden.

Im darauffolgenden Sommer spürte er ein beunruhigendes Ziehen in der Herzgegend, als er sich am Morgen an seinem Schreibtisch im Büro setzte. Als der Notarzt kam, war Herr K. leider bereits tot.  Es war aber ganz und gar nicht schlimm. Er saß nur plötzlich eben nicht mehr an seinem Schreibtisch im Büro sondern in einem langen Flur mit Wartebänken, auf denen allerlei Leute saßen. Der Flur hatte viele Türen links und rechts und an seinem Ende waren zwei. Die eine war ein bisschen dunkler, die andere ein bisschen heller. Nach einer Zeit kam ein Mann Herr K. sah, dass es der junge Mann war, der ihm auf dem Weg begegnet war. “Es ist schon spät” rief der ihm zu “Und wohin willst du?” fragte er Herrn K. Da Herr K. nun genug von Farbsymboliken verstand, wies er natürlich auf die ein bisschen hellere Tür. “Aha” meinte der junge Mann “Und warum?”. Herr K. überlegte und antwortete dann einiges aus seinem Leben. Aber immer, wenn er etwas sagen wollte, unterbrach ihn einer der Leute auf den Wartebänken und rief: “Und ich noch viel mehr!” und egal was er sagte, andere hatten es noch mehr gesagt, oder besser, oder länger. Schließlich rief Herr K. ganz verzweifelt: “Aber der Pilgerweg!” und das musste doch etwas bedeuten! “Aha” sagte der junge Mann wieder und es öffnete sich eine der Türen im Flur und heraus kam die alte Frau und der junge Mann fragte Herrn K.: “Und?” und Herr K. rief: “Ihr habe ich geholfen!” und es öffnete sich eine andere Tür und heraus kam der Mann mit dem Fahrrad und der junge Mann fragte Herrn K.: “Und?” und Herr K. rief wieder “Ihm habe ich geholfen!” und der junge Mann nickte. Da hob er eine Hand und der Flur war auf einmal ganz und gar leer und nur noch die beiden Türen an seinem Ende waren dort und der junge Mann fragte “Und?” und wies auf sich selbst.

“Aber ich hatte doch keine Zeit mehr” sagte Herr K. und trat auf die Türen zu

Posted by:Nora Beyer

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One thought on “Die Allegorie des Pilgers Herr K.

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